Russische Orthodoxe Kirche zu Hamburg

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Orthodox als deutsch sprachiger Christ, geht das?

15.11.2017 | Thema: Tagebuch |

Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn im Territorium des Patriarchen von Rom ist bis zur Spaltung der Christenheit im Jahre 1054 die orientalische Richtung des Christentums nicht präsent gewesen. Hierfür gab es auch keinen Grund, da der römische Patriarch – abgesehen von geringfügigen Verwerfungen – sich in der voller Einheit im Glauben mit den übrigen Patriarchen der Kirche Christi befand. Der Glaube war also als solcher völlig unberührt und kannte eigentlich nur die sprachlich, aber u. U. auch theologische Separierung zwischen der griechischen Sprache und später der lateinischen. Hier wird bereits eines deutlich: Die griechische Sprache ist die theologisch relevante, während die lateinische von Seiten der Griechen als ungebildet empfunden wurde, gleichwohl ist diese zur hervorragenden Gottes- und Bildungssprache des westlichen Bereiches der Kirche Christi geworden. Die Einheit im Glauben fand folglich ihren Ausdruck in zwei theologisch relevanten Basissprachen: dem Griechischen und dem Lateinischen, aber in der völligen Einheit in den Dogmen, die seit den sieben ökumenischen – allumfassenden – Konzilen ihre Verbindlichkeit für die gesamte Christenheit gefunden haben, gab es Übereinstimmung. Unbeachtet bleiben in diesem Essay vorher eingetretene doktrinale Differenzen, weil diese wenig Einfluss auf die Gesamtkirche Christi hatten.

Aus dieser Einheit heraus gebrochen wurde der gesamte Bereich des lateinischen Patriarchen, da dieser für sich mehr als das, was ihm zustand, Ehrenprimas zu sein,  in Anspruch nahm und Teilsynoden (Konzile) durchführte, die zu einer Verwässerung oder offenen Verfälschung des Glaubensgutes führten. Hier seien im Wesentlichen nur zwei angeführt: Die Verfälschung des Glaubensbekenntnisses durch die Einführung des „filioque“, d. h. der Heilige Geist ginge vom Vater und vom Sohne aus und noch viel einschneidender die Neuaufstellung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des römischen Patriarchen auf dem I. Vatikanischen Konzil, die zum völligen und nicht zu heilenden Bruch in der Lehre der Kirche Christi führte. Keinem einzelnen Menschen steht zu, an der  Stelle Gottes entscheiden zu können über Fragen des Glaubens und der Sitte. Dieses ist eine unglaubliche Anmaßung und Hybris, die den Einfluss des Widersachers Christi vermuten lässt, weil Gott das Maß und der Herrscher aller Dinge ist und niemand die juristische Kompetenz hat, Gott „vertreten“ zu wollen und an Seiner Stelle „Entscheidungen“ in Fragen des Glaubens und der Sitte treffen zu wollen. Dieses Recht ist allein  bei Gott selbst angesiedelt, respektive eingeschränkt bei der Gesamtheit der Bischöfe und hier auf ein allgemeines Konzil beschränkt, die auch in dieser Frage Grund zur Zurückhaltung haben, denn über solche Fragen kann letztlich nur Gott respektive der Heilige Geist durch die Gesamtheit der Bischöfe entscheiden. Diese Entscheidung ist als solche dann Ausfluss des Göttlichen Willens und damit nicht nur Wille, sondern  auch Gesetz Gottes zugleich, das jeder Christ zu achten hat, wenn er nicht dem Anathema verfallen will.

Das Anathema des römischen Patriarchen ist nun sicherlich nicht durch die „indirekte Verantwortung für die Gründung“  unzähliger protestantischer Denominationen festzustellen, die sämtlich aus der  Jurisdiktion dieses Hierarchen hervorgekommen sind, sondern durch die Irrtümer, denen die römische oder lateinische Kirche selbst unterlegen ist. Diese Irrtümer fußen in der falschen dogmatischen Rechtsfertigungslehre dieser kirchlichen Gemeinschaft. Wenn hier von „kirchlicher Gemeinschaft“ gesprochen wird, dann soll damit unzweideutig gesagt werden, dass das Kriterium Kirche Jesu Christi zu sein,   dort nicht in hinreichendem Maße erfüllt wird, denn dieses kann nur für die Kirche gelten, die den gesamten Glauben unverfälscht bis zum heutigen Tage bewahrt hat und sich allen Versuchen der Verfälschung oder Aufweichung widersetzt hat und auch in Zukunft widersetzen wird. Würde die Orthodoxie diesen Prinzipien nicht mehr folgen, wäre diese nicht mehr rechtgläubig, d.h.  orthodox.

Das Anathema oder der Kirchenbann und hat auch heute noch seine Gültigkeit. Es   ist zwar  korrekt, dass de jure durch den Patriarchen von Konstantinopel und den der römischen Kirche dieses „gegenseitig“ aufgehoben worden ist, aber dennoch kann nicht übersehen werden, dass es in eben doch keine Rückkehr des römischen Patriarchen in die Gemeinschaft der übrigen Patriarchen und damit die Wiedereingliederung in die Kirche Christi stattgefunden hat, weil ansonsten eine völlige Gemeinschaft de jure und de facto wieder hergestellt worden wäre. Das ist auch der Grund, warum zahlreiche orthodoxe Bischöfe diverser autokephaler Kirchen unzweideutig am Anathema zu Recht festhalten, denn es gibt keine Einheit mit dem römischen Patriarchen. Dieses ist eindeutig nicht der Fall und kann auch nicht de jure der Fall sein, da dieser kanonische Schritt einfach aussteht.

Der im Bereich des Occidentes, zu dem auch dieses Sprachgebiet zählt, es wird bewusst nicht, von einem Land als solchem gesprochen, denn die Zugehörigkeit zu einer Nation ergibt sich nicht zwangsläufig aus der Zugehörigkeit zu dieser, sondern sie manifestiert sich in der sprachlich kulturellen Zugehörigkeit. Hier liegt nun für einen Orthodoxen im Gebiet des „Westens“ das eigentliche Problem. Die Orthodoxie kennt autokephale Kirchen, die durch den gemeinsamen Glauben in völliger Einheit miteinander stehen, aber als solche eigenständig sind. Für einen Gläubigen aus dem Bereich des lateinisch geprägten Sprachgebietes kommt immer ein wesentliches Problem zum Tragen, in welcher Sprache soll er sich wieder finden, d. h. kann er sich z. B. in der kirchenslawischen Sprache als Gottesdienstsprache wiederfinden oder sollte die jeweilige nationale Sprache liturgisch verwendet werden, um so ein größeres Verständnis der Liturgie und damit des Glaubens zu erreichen?

Die russische orthodoxe Kirche ist hier recht unterschiedliche Wege gegangen. Nach der ersten Welle des Zuzuges in den westlichen Sprachraum folgte nach einem engen Festhalten an der kirchenslawischen Sprache als liturgischer Sprache vor allem in Frankreich in der dortigen russischen orthodoxen Kirche, die der Jurisdiktion des Patriarchen von Konstantinopel untersteht, eine sehr weitgehende Öffnung zum Gebrauch der Landessprache statt. In der russisch orthodoxen Auslandkirche unter dem Synod des Metropoliten von New York, die u. a. sehr stark in Deutschland präsent war und ist, wurde Deutsch als Liturgiesprache und  vor allem  als Predigtsprache verwendet. Nach dem zweiten großen Zuzug in den Westen erlebt man, die fast völlige Verwendung des Kirchenslawischen und des Neurussischen auch als Predigtsprache in den direkt dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Gemeinden, weil hier die Verbindung zu dem ursprünglichen Herkunftsgebiet eine ausgesprochen enge ist und auch der Klerus weitestgehend in Russland selbst ausgebildet und geweiht wurde.

Für einen Christen aus dem westlichen Kulturbereich kommend, stellt sich die Frage, in wie weit er sich selbst sprachlich wiederfindet und wie er mit dem starken Gebrauch der Ursprungssprache auch als Predigtsprache zurechtkommt. In liturgischer Hinsicht bestehen hier keinerlei Probleme, denn die Abfolge und der Verlauf der Göttlichen Liturgie ist gleich bleibend. Es ist nicht so, wie es heute im Bereich der römischen Kirche ist, dass dem Erfindungsreichtum des Zelebranten keine Grenzen gesetzt sind. Wen es interessiert, wie dieser merkwürdige Reichtum aussieht, der möge einmal auf www. youtube.com schauen, was für Überraschungen dort zu finden sind.

Wenn man sich nun die Frage stellt, ob sich ein nicht der russischen, griechischen, arabischen Sprache etc. deutsch sprachiger Christ  dort wiederfindet, ist die Antwort relativ einfach: Ja! Der Glaube ist letztlich in jeder Sprache derselbe. Wenn man weiß, was liturgisch vollzogen wird, muss die Landessprache nicht unbedingt Berücksichtigung finden. Hier, man muss es einmal deutlich sagen,   war die römische Kirche bis 1962 ein gutes Vorbild, weil sie für die Einheitlichkeit der Liturgie in der ihr eigenen Sprache des Lateins sorgte. Die Gläubigen, egal welcher Muttersprache, konnten die gesamte Liturgie oder – wie die Lateiner sagen  – Heilige Messe- an Hand eines zweisprachigen liturgischen Werkes – im Deutschen Schott-Messbuch genannt – mitverfolgen oder mitbeten. Die Bedeutung der Landessprachen war sekundär. In den heutigen „Messen“ der römischen Kirche nach dem „neuen Ritus“ ist dieses nicht mehr der Fall, weil nicht konsequent von den jeweiligen Zelebranten eine Form eingehalten wird. Hier hat also die Verwendung der Landessprache zu dem genauen Gegenteil geführt, was schon der Häretiker Luther erreichen wollte, ein besseres Verständnis durch die Verwendung der jeweiligen Landessprache hat als ein Grund zur Auflösung des Glaubens in toto geführt. Aus diesem Grunde ist es auch für einen Christen aus diesem Sprach- und Kulturraum unwichtig, ob liturgische Handlungen in der Landessprache vollzogen werden. Was allerdings bei einem ausschließlichen Gebrauch z. B. des Kirchenslawischen von Bedeutung wäre, ist die Verkündigung des Evangeliums auch in der jeweiligen gesprochen Landessprache. Der Verfasser neigt hier auch zu der Auffassung, dass analog zur Zelebration der zweifelsfreien Messe nach den Regeln des Konzils von Trient der lateinischen Kirche auch in den jeweiligen orthodoxen Kirchen die Landesprache nicht nur für das Evangelium, sondern auch für die Lesung aus dem Apostolos verwendet werden sollte. Des Weiteren erscheint es ihm, unabdingbar die wichtigsten Aspekte der Predigt auch in der jeweiligen Landessprache kurz zusammen zu fassen, damit die Deutsch, Englisch, Spanisch etc. sprechenden und denkenden Gläubigen hier eine gewisse Erleichterung erfahren, denn man kann nicht unbedingt erwarten, dass diese das Neurussische oder Neugriechische erlernen, um hier folgen zu können. Dieser Gedanke ist vor allem wichtig, weil die jungen Gläubigen die jeweilige Sprache des westlich geprägten Landes sehr schnell erlernen und eine Inkulturation erfolgt. Hier besteht folglich eine Notwendigkeit, dieser schnell voranschreitenden Entwicklung auch liturgisch und im Aspekt der Unterweisung durch die Predigt gerecht zu werden, da die Predigt die vornehmste Form der katechetischen Unterweisung darstellt. Es bietet sich gerade hier die Chance, es den Menschen aus dem westlichen Kulturraum zu  leichtern, ihre religiöse Heimat in der Orthodoxie als der wahren und einzigen Kirche Jesu Christi  zu finden und zu haben.

Die säkulare Umwelt, in der der orthodoxe Christ lebt, ist für ihn selbst kein Problem, solange er begreift, dass dieses areligiöse Denken und Leben für ihn keine Alternative ist. Genau hier liegt auch die größte Gefahr. Wer in seinem Glauben nicht gefestigt genug ist, neigt leicht dazu, sich der Mehrheit in ihrem Verhalten anzupassen. Die Mehrheit kann aber niemals der Maßstab für einen denkenden orthodoxen Christ sein, denn für ihn ist nur der Maßstab die Orthodoxie und damit die gelebte Tradition. Die Umwelt lebt ohne die Einbindung in gewachsene und gelebte Traditionen. Sie mag sich als Bildungsbürgertum Ersatz in der Literatur etc. gesucht haben, aber weder eine Theateraufführung noch eine wie immer berührende Opernaufführung können Ersatz für einen gelebten Glauben bieten. Auch die starke Neigung im Westen das Kapital als das Erstrebenswerteste zu betrachten, sind nur trügerische Strohhalme, denn was macht der Mensch, wenn seine Stunde gekommen ist und er an nichts glaubt, dann ist der Tod wahrlich ein Stachel, der ihn quält und erstickt. Die Orthodoxie hat im Bereich der Herrschaft des gottlosen und menschenverachtenden Kommunismus erfahren, was dieses Denken bedeutet. Wer hat überlebt, der Gott verachtende Kommunismus oder die Kirche Christi? Glauben denn unsere Menschen allen Ernstes, dass ihre säkulare Grundhaltung, die jede Transzendenz ausschließt, reiche aus, um den Sinn des Lebens für sie zu finden? Sie mögen dem Kapital, Bildungsschimären etc. nachlaufen, aber sie werden keine Antwort finden, wie sie den entscheidenden Sinn für ihr Leben finden sollen, denn warum soll ich essen, wenn ich nicht weiß, warum ich essen soll. Was für einen Sinn macht ein Leben, wenn es ohne Orientierung ethischer Werte gelebt wird. Hier sind Tor und Tür geöffnet für Verzweiflung und einer unendlichen Suche nach Wahrheit und Orientierung, die ins Nichts führen.

Hier haben wir vor allem als deutsch sprachige Orthodoxe die Aufgabe, unseren Mitmenschen deutlich zu machen, es gibt Menschen, die sind ganz anders als sie. Damit soll nicht gesagt werden, dass man den „moralischen Zeigefinger“ nehme, aber man zeigt durch sein eigenes Beispiel, dass man seinen Glauben offen bekennt und sich nicht schamvoll bedeckt hält, denn der Glaube der Kirche Christi ist für den Menschen Ehre und Verpflichtung zur Demut, damit der orthodoxe Christ durch sein Vorbild seinen Mitmenschen zeigt, man kann auch ganz anders leben und trotzdem in dieser Gesellschaft existieren. Diese Gesellschaft ermöglicht den Menschen in religiöser Hinsicht so zu agieren und zu leben, wie jeder es für sich möchte. Hier liegt nun aber auch die missionarische Chance für die Orthodoxie, denn Christus hat gesagt: „Gehet hin in alle Welt und taufet alle Menschen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Die Orthodoxie hat folglich eine einzigartige Chance in dieser westlichen Gesellschaft, für die das Evangelium etwas Fremdes geworden ist, denn es gibt so viele Möglichkeiten sich abzulenken, damit man eben nicht fragt, warum mache ich dieses oder jenes? Wenn wir als orthodoxe Christen mit unserem Beispiel unseren entchristlichten Mitmenschen zeigen, dass es etwas gibt, das ihnen fehlt und das ihr Leben reicher macht, auf dass sie nicht an dem Sinn ihres Daseins zweifeln, dann haben wir eine großartige Aufgabe. Geben wir Hinweise auf unseren Glauben, z. B. kann jeder am Sonntag der Göttlichen Liturgie auf www.tv-soyuz.ru folgen. Dieses ist ein erster Schritt, um zu schauen, was der Glaube ist und in der Diaspora mit ihren großen Entfernungen eine Möglichkeit, die uns hilft, unseren Glauben immer mehr zu stärken, auch wenn wir nicht jeden Sonntag an der Göttlichen Liturgie teilnehmen können. Die orthodoxe Kirche ist auch hier sehr weise, denn sie verlangt nicht wie die römische  die sonntägliche Teilnahme an der Göttlichen Liturgie, sondern die Gläubigen sind gehalten zu kommen, müssen aber in ihrem Gewissen entscheiden, ob, wann und wie sie diesem genügen können, denn nicht jeder wohnt in der unmittelbaren Nähe einer orthodoxen Kirche.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Orthodox hier im Westen zu sein, ist Chance, Gnade und zugleich Aufgabe. Stehen wir fest zu unserem Glauben und zeigen unseren Mitmenschen die Geborgenheit in unserem Glauben, der uns festigt, auch wenn wir uns auf das Ende unseres Lebens zu bewegen oder mitten im Leben stehen. Der Glaube begleitet uns immer, wenn es uns gut und schlecht geht. Unser orthodoxer Glaube ist das Alpha und Omega unseres Lebens.

Gerd Holger Wuerfel (In Christos getauft mit Namen Athanasios), M.A. (Universität Hamburg)


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