{"id":441,"date":"2006-10-03T08:52:54","date_gmt":"2006-10-03T06:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/einiges-uber-den-russischen-monch-und-seine-mogliche-bedeutung\/441.html"},"modified":"2006-10-02T08:53:47","modified_gmt":"2006-10-02T06:53:47","slug":"einiges-uber-den-russischen-monch-und-seine-mogliche-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/einiges-uber-den-russischen-monch-und-seine-mogliche-bedeutung\/441.html","title":{"rendered":"Einiges \u00fcber den russischen M\u00f6nch und seine m\u00f6gliche Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p>Aus den Gespr\u00e4chen und Belehrungen des Staretz Sossima <\/p>\n<p> V\u00e4ter und Lehrer, was ist ein M\u00f6nch? In der aufgekl\u00e4rten Welt wird dieses Wort heutzutage von einigen bereits mit Spott ausgesprochen, von manchen aber sogar schon als Schimpfwort gebraucht. Und je weiter, desto mehr. Es ist wahr, ja, leider ist es wahr, auch unter den M\u00f6nchen gibt es viele Tagediebe, Woll\u00fcstlinge, Liederliche und unver\u00adsch\u00e4mte Herumtreiber. Auf diese weisen nun die gebildeten Weltleute hin, wenn sie sagen: \u00bbIhr seid ja nur Faulenzer und unn\u00fctze Glieder der Gesellschaft, ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!\u00ab Indessen gibt es doch so viele unter den M\u00f6nchen, die fromm und dem\u00fctig sind, die nur nach gl\u00fchendem Gebet in der Stille und Zur\u00fcckgezogenheit d\u00fcrsten. Auf diese weist man viel seltener hin, ja, man \u00fcbergeht sie sogar mit v\u00f6lligem Stillschweigen. Wie sehr aber wird man sich wundern, wenn ich sage, da\u00df von diesen Sanften und nach verborgenem Gebet sich Sehnenden einmal vielleicht noch die Rettung des russischen Landes aus\u00adgehen wird. Denn sie werden in der Stille wahrhaftig vor\u00adbereitet sein \u201eauf den Tag und die Stunde, auf den Monat und das Jahr&#8220;. In all ihrer Verlassenheit h\u00fcten und bewahren sie vorerst das Bild Christi herrlich und unentstellt in der Reinheit der Gotteswahrheit, wie es von den \u00e4ltesten V\u00e4tern, Aposteln und M\u00e4rtyrern \u00fcberliefert ist, und wenn es not sein wird, werden sie es der ersch\u00fctterten, schwankenden Wahrheit der Weltleute entgegenhalten. Das ist ein gro\u00dfer Gedanke. Im Osten wird dieser Stern aufgehen.<\/p>\n<p>So denke ich \u00fcber den M\u00f6nch, und sollte das wirklich falsch, sollte das wirklich anma\u00dfend sein? Schaut doch nur hin auf die Weltlichen und auf die ganze \u00fcbrige Welt, die sich \u00fcber das Gottesvolk erhaben d\u00fcnkt: ist denn dort die Vor\u00adstellung von Gott und von seiner Wahrheit nicht entartet? Sie haben die Wissenschaft, aber in der Wissenschaft gibt es doch nur das, was den Sinnen zug\u00e4nglich ist. Die geistige Welt dagegen, die h\u00f6here H\u00e4lfte des Menschseins, wird voll\u00adkommen abgelehnt, ist sogar mit einem gewissen Triumph, ja, mit Ha\u00df ausgesto\u00dfen. Die Welt hat die Freiheit verk\u00fcn\u00addet, besonders in letzter Zeit, aber was sehen wir denn in dieser ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei und Selbstmord! Denn die Welt sagt: \u00bbDu hast Bed\u00fcrfnisse, also befriedige sie auch, denn du hast ja dieselben Rechte wie die angesehen\u00adsten und reichsten Leute. Scheue dich blo\u00df nicht, sie zu be\u00adfriedigen, sondern vermehre sie lieber noch\u00ab, &#8211; das ist die gegenw\u00e4rtige Lehre der Welt. Eben darin sehen sie die Frei\u00adheit. Was aber ergibt sich als Folge aus diesem Recht auf Vermehrung der Bed\u00fcrfnisse? Bei den Reichen Vereinsamung und geistiger Selbstmord, bei den Armen aber Neid und Tot\u00adschlag, denn die Rechte hat man zwar gegeben, aber die Mittel zur Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse nicht \u00fcberwiesen. Man versichert, die Welt werde sich je weiter desto mehr vereinigen, in eine br\u00fcderliche Gemeinschaft verwandeln da\u00addurch, da\u00df man die Entfernungen verk\u00fcrzt, die Gedanken durch die Luft \u00fcbermittelt. O, traut nicht einer solchen Ver\u00adeinigung der Menschen! Wenn sie unter Freiheit die Ver\u00admehrung und schnelle Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse verste\u00adhen, verderben sie nur die eigene Natur, denn dadurch z\u00fcchten sie in sich nur eine Menge sinnloser und dummer W\u00fcnsche, Gewohnheiten und albernster Einf\u00e4lle. Sie leben nur noch um des gegenseitigen Neides willen und um der Wollust und Eitelkeit zu fr\u00f6nen. Gastm\u00e4hler, Ausfahrten, Equipagen, Titel und sklavisch Dienstbeflissene zu haben &#8211; das wird schon f\u00fcr eine solche Notwendigkeit gehalten, da\u00df man sogar sein Leben, seine Ehre und Menschenliebe opfert, nur um diese unentbehrlichen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, und man bringt sich um, wenn man sie nicht befriedigen kann. Auch bei denen, die nicht reich sind, sieht man das gleiche, bei den Armen aber werden die ungestillten Be\u00add\u00fcrfnisse und der Neid vorl\u00e4ufig noch mit Trunksucht be\u00adt\u00e4ubt. Bald aber werden sie sich, statt an Branntwein, an Blut betrinken, dazu treibt man sie ja hin. Nun frage ich euch: Ist denn ein solcher Mensch frei? Ich habe einen \u00bbK\u00e4mpfer f\u00fcr die Idee\u00ab gekannt, der mir selbst erz\u00e4hlte, er sei, als man ihm im Gef\u00e4ngnis den Tabak entzog, durch diese Entbehrung derma\u00dfen gequ\u00e4lt gewesen, da\u00df er beinahe hingegangen und seine \u00bbIdee\u00ab f\u00fcr Tabak verraten h\u00e4tte. Und doch redet so einer davon, da\u00df er \u00bbf\u00fcr die Menschheit k\u00e4mpfen gehe\u00ab. Nun, wohin und wie weit geht denn ein solcher und wessen ist er \u00fcberhaupt f\u00e4hig? H\u00f6chstens zu einer raschen Tat, aber ohne Ausdauer, ohne lange durchzuhalten. Und da ist es denn auch kein Wunder, da\u00df sie, statt wahrhaft frei zu werden, nur in Sklaverei geraten, und statt der Bruderliebe und der Einigkeit der Menschheit zu dienen, im Gegenteil, der Absonderung und Vereinsamung verfallen, wie es schon in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast und Lehrer sagte. Deshalb erlischt aber auch in der Welt immer mehr der Gedanke des Dienstes an der Menschheit, der Br\u00fcder\u00adlichkeit und Einheit der Menschen, und tats\u00e4chlich wird diesem Gedanken sogar schon mit Spott begegnet, denn wie sollte man wohl auf seine Gewohnheiten verzichten, und wo\u00adhin k\u00e4me denn damit jener Unfreie, der sich so daran gew\u00f6hnt hat, seine unz\u00e4hligen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, die er sich selber eingeredet hat? Er ist ja bereits in der Vereinsamung, und was geht ihn noch das Ganze an! Erreicht hat man damit nichts anderes, als da\u00df man an angesammelten Sachen wohl reicher, an Freuden aber \u00e4rmer geworden ist.<\/p>\n<p>Etwas ganz anderes ist es mit dem Wege des M\u00f6nchs. Man lacht zwar \u00fcber Gehorsam, Fasten und Gebet, dabei aber ist doch nur mit ihnen der Weg zur echten, wirklichen Freiheit m\u00f6glich: indem ich die \u00fcberfl\u00fcssigen und unn\u00f6tigen Bed\u00fcrf\u00adnisse absto\u00dfe, meinen selbsts\u00fcchtigen und stolzen Willen durch Gehorsam z\u00e4hme und gei\u00dfle, erreiche ich mit Gottes Hilfe eben dadurch die Freiheit des Geistes und mit ihr auch die geistige Heiterkeit! Wer wird nun von ihnen f\u00e4higer sein, einen gro\u00dfen Gedanken aufzuheben und ihm dienen zu gehen &#8211; der vereinsamte Reiche, oder dieser von der Tyrannei der Sachen und Gewohnheiten Befreite? Man pflegt dem M\u00f6nch sein Einsiedlerleben vorzuwerfen: \u00bbDu hast dich zur\u00fcck\u00adgezogen, um in Klostermauern dich selbst zu retten; das br\u00fcderliche Dienen der Menschheit aber hast du vergessen.\u00ab Aber sehen wir doch erst einmal zu, wer sich mehr um die Bruderliebe m\u00fcht? Denn die Vereinsamung herrscht nicht bei uns, sondern bei ihnen, sie sehen es nur nicht. Von uns aber sind ja schon von alters her die Helfer des Volkes und Voll\u00adbringer hervorgegangen, warum sollte das nicht auch jetzt noch geschehen k\u00f6nnen? Es werden dieselben dem\u00fctigen Faster und frommen Schweiger sich erheben und zur gro\u00dfen Tat schreiten. Vom Volke wird Ru\u00dflands Rettung ausgehen. Das russische Kloster aber hat es von alters her mit dem Volk gehalten. Wenn aber das Volk vereinsamt ist, dann sind auch wir vereinsamt. Das Volk glaubt in unserer Weise, und ein nichtgl\u00e4ubiger Staatsmann wird bei uns in Ru\u00dfland nichts ausrichten, mag er noch so aufrichtigen Herzens und genialen Geistes sein. Verge\u00dft das nicht! Das Volk wird auch dem Atheisten standhalten und ihn \u00fcberwinden und es wird ein einhelliges rechtgl\u00e4ubiges Ru\u00dfland sein. Beh\u00fctet also das Volk und besch\u00fctzt sein Herz. Erzieht es in der Stille. Dies ist eure m\u00f6nchische gro\u00dfe Aufgabe und Sendung, denn dieses Volk ist das Gottr\u00e4gervolk.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcder Karamasow von Fjodor M. Dostojewski <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus den Gespr\u00e4chen und Belehrungen des Staretz Sossima V\u00e4ter und Lehrer, was ist ein M\u00f6nch? In der aufgekl\u00e4rten Welt wird dieses Wort heutzutage von einigen bereits mit Spott ausgesprochen, von manchen aber sogar schon als Schimpfwort gebraucht. Und je weiter, desto mehr. Es ist wahr, ja, leider ist es wahr, auch unter den M\u00f6nchen gibt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,1],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/441"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=441"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/441\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=441"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=441"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=441"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}