{"id":440,"date":"2006-10-02T08:51:16","date_gmt":"2006-10-02T06:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/kann-man-richter-sein-uber-seinesgleichen\/440.html"},"modified":"2006-10-02T08:51:16","modified_gmt":"2006-10-02T06:51:16","slug":"kann-man-richter-sein-uber-seinesgleichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/kann-man-richter-sein-uber-seinesgleichen\/440.html","title":{"rendered":"Kann man Richter sein \u00fcber seinesgleichen?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber den Glauben bis ans Ende <\/p>\n<p>Denke vor allem daran, da\u00df du niemandes Richter zu sein vermagst. Denn es kann auf Erden niemand Richter sein \u00fcber einen Verbrecher, bevor nicht der Richter selber erkannt hat, da\u00df er genau so ein Verbrecher ist wie der, der vor ihm steht, und da\u00df gerade er an dem Verbrechen des vor ihm Stehenden vielleicht mehr als alle anderen auch die Schuld tr\u00e4gt. Wenn er aber das erkannt hat, dann kann er auch Richter sein. Wie unsinnig dies auch erscheinen mag, so ist es doch die Wahrheit. Denn wenn ich selbst gerecht w\u00e4re, w\u00fcrde es vielleicht auch den Verbrecher nicht geben. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden und von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen, so tue das unges\u00e4umt, nimm es auf dich und leide selber an seiner Statt, ihn aber entlasse ohne Vorwurf. Und selbst wenn das Gesetz dich zum Richter \u00fcber ihn be\u00adstellt, so wirke doch auch dann in diesem Geiste, denn er wird weggehen und sich selbst noch viel bitterer verurteilen als dein Urteil es tun k\u00f6nnte. Sollte er aber mit deinem Ku\u00df unger\u00fchrt davongehen, wom\u00f6glich noch lachend und spot\u00adtend \u00fcber dich, so lasse dich auch dadurch nicht irremachen: es bedeutet nur, da\u00df seine Stunde noch nicht gekommen ist; aber sie wird noch kommen zu ihrer Zeit. Und sollte sie f\u00fcr ihn auch nie kommen, so ist das doch nebens\u00e4chlich: wenn nicht er, so wird ein anderer an seiner Statt zur Er\u00adkenntnis gelangen und leiden, sich selbst richten und schul\u00addig sprechen, und die Wahrheit wird dann anerkannt sein. Glaube daran, glaube unverbr\u00fcchlich daran, denn in eben diesem liegt ja die ganze Zuversicht und der ganze Glaube der Heiligen.<\/p>\n<p>Wirke unerm\u00fcdlich. Wenn dir etwas noch sp\u00e4t abends einf\u00e4llt, schon im Einschlafen, und du dir sagst: \u00bbIch habe nicht getan, was h\u00e4tte getan werden sollen\u00ab, so erhebe dich unges\u00e4umt und tue es. Wenn du ringsum von boshaften und gef\u00fchllosen Menschen umgeben bist, die nicht auf dich h\u00f6ren wollen, so falle vor ihnen nieder und bitte sie um Vergebung, denn wahrlich bist auch du schuld daran, da\u00df sie nicht auf dich h\u00f6ren wollen. Wenn es aber schon so weit ist, da\u00df du mit den Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in Erniedrigung, ohne je\u00admals die Hoffnung aufzugeben. Wenn aber alle dich ver\u00adlassen, oder sogar dich mit Gewalt hinausjagen, und du dann ganz allein dastehst, so falle zur Erde nieder und k\u00fcsse sie, netze sie mit deinen Tr\u00e4nen, und die Erde wird aus deinen Tr\u00e4nen Frucht erstehen lassen, obschon dich niemand gesehen und geh\u00f6rt hat in deiner Einsamkeit. Glaube bis ans Ende, selbst wenn es geschehen sollte, da\u00df alle Welt ab\u00adtr\u00fcnnig w\u00fcrde und nur du allein gl\u00e4ubig bliebest; bringe auch dann dem Herrn dein Opfer dar und preise ihn, du, der einzige \u00dcbriggebliebene. Und wenn sich dann noch so einer zu dir gesellt, &#8211; dann ist das ja schon die ganze Welt, die Welt der pulsierenden Liebe: umarmt einander in Er\u00adgriffenheit und lobet den Herrn, denn so hat sich doch, und w\u00e4re es auch nur in euch beiden, das Wort des H\u00f6chsten erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Wenn du nun selbst s\u00fcndigst und zu Tode betr\u00fcbt bist wegen deiner S\u00fcnden oder wegen deines einzelnen pl\u00f6tz\u00adlichen S\u00fcndenfalls, so freue dich \u00fcber den anderen, freue dich \u00fcber den Gerechten, freue dich, da\u00df, wenn du auch s\u00fcndigtest, er daf\u00fcr standhaft blieb und nicht der S\u00fcnde verfiel.<\/p>\n<p>Wenn aber die Ruchlosigkeit der Menschen dich bis zum Zorn emp\u00f6rt und mit bereits un\u00fcberwindlichem Gram er\u00adf\u00fcllt, ja, dich sogar bis zum Rachedurst an den Frevlern auf\u00adw\u00fchlt, so f\u00fcrchte mehr als alles andere diese Regung; gehe dann sofort und suche dir Qualen, als w\u00e4rest du selber schuld an dieser Ruchlosigkeit der Menschen. Nimm diese Qualen auf dich und halte sie aus, und dein Herz wird zur Ruhe kommen und du wirst begreifen, da\u00df du auch selber schuldig bist, denn du h\u00e4ttest ja den Misset\u00e4tern leuchten k\u00f6nnen, sei es auch nur als einziger S\u00fcndenloser, und hast es nicht getan. Wenn du aber so geleuchtet h\u00e4ttest, dann h\u00e4ttest du mit deinem Licht auch anderen den Weg erhellt, und jener, der die Missetat beging, w\u00fcrde sie bei deinem Licht vielleicht gar nicht begangen haben. Und selbst wenn du geleuchtet h\u00e4ttest und dennoch sehen m\u00fc\u00dftest, da\u00df die Menschen sich nicht einmal bei deinem Licht retten wollen, so bleibe trotzdem fest und zweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube daran, da\u00df sie, wenn sie sich jetzt nicht der Rettung zuwandten, sich sp\u00e4ter retten wer\u00adden. Oder wenn auch sp\u00e4ter nicht, so werden es doch ihre Nachkommen tun, denn dein Licht wird nicht sterben, selbst wenn du schon gestorben sein wirst. Der Gerechte ist sterblich und geht dahin, sein Licht jedoch bleibt. Es ist nun einmal so, da\u00df man sich immer erst nach dem Tode des Retters der Rettung zuzuwenden beginnt. Das Menschen\u00adgeschlecht pflegt seine Propheten nicht anzuerkennen und sie umzubringen, aber die Menschen lieben ihre M\u00e4rtyrer und verehren die, die sie marternd umbrachten. Du aber arbeitest f\u00fcr das Ganze, wirkst f\u00fcr das Kommende. Beloh\u00adnung aber suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn schon gro\u00df hier auf Erden: diese deine geistige Freude, die nur der Gerechte erwirbt. F\u00fcrchte weder die Vornehmen noch die M\u00e4chtigen dieser Welt, aber sei weise und immer voll An\u00adstand. Lerne Ma\u00df halten, lerne abwarten, \u00fcbe dich darin. Wenn du in der Einsamkeit verbleibst, so bete. Gib dich hin an die Erde, indem du niederf\u00e4llst und sie k\u00fc\u00dft. K\u00fcsse die Erde und liebe sie ohne Unterla\u00df und uners\u00e4ttlich, liebe alle, liebe alles, suche das Entz\u00fccken und die Ekstase der Liebe. Netze die Erde mit den Tr\u00e4nen deiner Freude und liebe diese deine Tr\u00e4nen und sch\u00e4me dich nicht dieser \u00dcber\u00adschw\u00e4nglichkeit; la\u00df sie dir teuer sein, denn sie ist eine Gnade Gottes, ist ein gro\u00dfes Geschenk, und wird ja auch nicht vielen zuteil, nur Auserw\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcder Karamasow von Fjodor M. Dostojewski<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Glauben bis ans Ende Denke vor allem daran, da\u00df du niemandes Richter zu sein vermagst. 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