{"id":436,"date":"2006-04-15T09:00:37","date_gmt":"2006-04-15T07:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/was-ist-ein-staretz\/436.html"},"modified":"2006-04-17T07:16:42","modified_gmt":"2006-04-17T05:16:42","slug":"was-ist-ein-staretz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/was-ist-ein-staretz\/436.html","title":{"rendered":"Was ist ein Staretz?"},"content":{"rendered":"<p>von Dostojevskii &#8222;Die Br\u00fcder Karamasoff&#8220; <\/p>\n<p> Dieser Staretz war, wie ich schon erw\u00e4hnt habe, der Staretz Sossima. Doch hier sehe ich mich gezwungen, zun\u00e4chst ein wenig zu erl\u00e4utern, wer und was diese \u201eStartzen&#8220; in unseren Kl\u00f6stern eigentlich sind. Es tut mir nur leid, da\u00df ich mich in dieser Frage nicht ganz ma\u00dfgebend f\u00fchle; ich werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberfl\u00e4chlichen Erkl\u00e4rung be\u00adgn\u00fcgen m\u00fcssen.<!--more--><\/p>\n<p> Viele Sachkundige behaupten, das Startzen\u00adtum sei bei uns in unseren russischen Kl\u00f6stern erst seit kurzer Zeit eingef\u00fchrt, kaum seit hundert Jahren, w\u00e4hrend es im ganzen orthodoxen Osten, besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend Jahren vorkomme. Es wird zwar gleichfalls behauptet, das Startzentum habe auch bei uns fr\u00fcher, schon in den \u00e4ltesten Zeiten, bestanden, sei dann aber infolge der vielen Heimsuchungen Ru\u00dflands, in\u00adfolge des Tatarenjochs, der inneren Unruhen, der Unter\u00adbrechung unserer fr\u00fcheren Beziehungen zum Morgenlande nach der Eroberung Konstantinopels durch die T\u00fcrken, in Vergessenheit geraten. <\/p>\n<p> Wieder aufgekommen aber sei es jetzt seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der gro\u00dfen Glaubenseiferer, Paissij Welitschk\u00f3wskij und seine Sch\u00fcler, doch ist es noch heute, also selbst nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Kl\u00f6stern eingef\u00fchrt, und nicht selten ist es sogar als eine in Ru\u00dfland unerh\u00f6rte Neuerung nahezu Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Bl\u00fcte kam es bei uns in Ru\u00dfland in der ber\u00fchmten Einsiedelei der Optina von Kos\u00e9lsk. <\/p>\n<p> Wann und durch wen es auch in un\u00adserem nahe bei der Stadt gelegenen Kloster eingef\u00fchrt wor\u00adden ist, wei\u00df ich nicht; doch hat es dort schon drei Startzen gegeben, von denen der Staretz Sossima als dritter und letz\u00adter noch lebte, nur siechte jetzt auch er schon in Krankheit und Schw\u00e4che dahin. Wer ihn aber einmal ersetzen sollte, das wu\u00dfte man noch nicht. F\u00fcr unser Kloster war das eine wichtige Frage, d\u0430 es sich bis dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: es gab in ihm weder Gebeine Heiliger noch &#8222;wunderbar erschienene&#8220; , wundert\u00e4tige Hei\u00adligenbilder, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer Geschichte verkn\u00fcpft oder von ihm Gro\u00dfes, um das Vater\u00adland Verdienstvolles zu berichten gewu\u00dft h\u00e4tten. Aufgebl\u00fcht aber und in ganz Ru\u00dfland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu sehen und zu h\u00f6ren Pilger in Scharen von weit herkamen und oft Tausende von Werst zu Fu\u00df zur\u00fccklegten.<\/p>\n<p> Doch was ist nun solch ein Staretz? <\/p>\n<p> Der Staretz ist ein M\u00f6nch, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gew\u00e4hlt hat, sagt man sich vom eigenen Willen los und \u00fcbergibt ihn dem Staretz zu unbedingtem Gehorsam bei vollst\u00e4ndiger Selbstverleugnung. Diese Pr\u00fcfung, diese furcht\u00adbare Lebens\u00fcberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Pr\u00fcfung sich selbst \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, sich seiner selbst derma\u00dfen zu bem\u00e4chtigen, da\u00df er endlich durch lebensl\u00e4ng\u00adlichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, &#8211; das hei\u00dft, um sich von sich selbst zu befreien, auf da\u00df er dem Los derer entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht bleiben. <\/p>\n<p> Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben und ist heute schon eine tausendj\u00e4hrige Einrichtung. Die Verpflichtungen dem Staretz gegen\u00fcber sind nicht etwa der gew\u00f6hnliche \u00bbGehorsam\u00ab (oder \u00bbDienst\u00ab), der in unseren russischen Kl\u00f6stern seit jeher \u00fcblich ist; nein, hier handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden und die unl\u00f6sbare Verbindung zwi\u00adschen dem Gebundenen und dem Bindenden. <\/p>\n<p> Man erz\u00e4hlt sich zum Beispiel, da\u00df einmal in den \u00e4ltesten Zeiten des Christen\u00adtums ein derart Gebundener eine Bu\u00dfe, die ihm von seinem Staretz auferlegt worden war, nicht erf\u00fcllt, sondern das Kloster verlassen hatte und in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach \u00c4gypten, gezogen war. Dort hatte er lange Zeit Gro\u00dfes vollbracht, und schlie\u00dflich war er f\u00fcr seinen Glauben den M\u00e4rtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den sie fast schon als Heiligen verehrte, bestatten wollte, d\u0430 war der Sarg pl\u00f6tzlich bei den Worten des Diakonus: \u00bbKatechumenen, entfernet euch!\u00ab mit der in ihm liegenden Leiche des M\u00e4rtyrers von der Stelle ger\u00fcckt und zur Kirche hinausgeflogen, und also war es dreimal geschehen. Erst sp\u00e4\u00adter hatte man erfahren, da\u00df der heilige Dulder das Gehor\u00adsamsgel\u00fcbde gebrochen und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die Erlaubnis dieses Staretz, ungeachtet seiner gro\u00dfen Taten, nicht verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein Staretz ihn vom Gehorsam losgesprochen hatte. Nat\u00fcrlich ist das nur eine alte Legende, aber ich will noch eine andere Begeben\u00adheit aus unserer Zeit erz\u00e4hlen. <\/p>\n<p> Einer unserer zeitgen\u00f6ssischen M\u00f6nche hatte sich in ein Athoskloster zur\u00fcckgezogen, und pl\u00f6tzlich befiehlt ihm sein Staretz, Athos zu verlassen &#8211; Athos, seinen stillen Zufluchtsort, an dem er wie an einem Heiligtum mit aller Liebe seiner Seele hing! &#8211; und zuerst nach Jerusalem und dann zur\u00fcck nach Ru\u00dfland, in den Nor\u00adden, nach Sibirien zu gehen: \u00bbDort ist dein Platz, nicht hier.\u00ab Der erschrockene und von Kummer niedergedr\u00fcckte M\u00f6nch ging nach Konstantinopel zum \u00d6kumenischen Patriarchen und flehte ihn an, sein Gehorsamsgel\u00fcbde aufzuheben; da aber antwortete ihm der \u00d6kumenische Machthaber, da\u00df nicht nur er, der \u00d6kumenische Patriarch, ihn nicht befreien k\u00f6nne, sondern da\u00df es auf der ganzen Erde keine Macht g\u00e4be, die ihn von dem, was ihm einmal ein Staretz auferlegt hatte, ent\u00adbinden k\u00f6nnte, abgesehen nat\u00fcrlich von jenem Staretz selbst. <\/p>\n<p> So haben denn die Startzen in gewissen F\u00e4llen eine unbe\u00adgrenzte und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum bei uns das Startzentum in vielen Kl\u00f6stern auf solche Feindseligkeit gesto\u00dfen ist. Vom Volk indes wurden die Startzen alsbald sehr geachtet und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die einfachsten als die vor\u00adnehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel, S\u00fcnden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten. Dagegen f\u00fchrten dann die Gegner der Startzen au\u00dfer ande\u00adren Beschuldigungen an, da\u00df hierbei das Mysterium der Beichte eigenm\u00e4chtig und leichtsinnig profaniert werde &#8211; obgleich in diesem Fall das fortw\u00e4hrende Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefa\u00dft wird. Es endete schlie\u00dflich damit, da\u00df das Startzentum sich doch behauptete und allm\u00e4hlich in den Kl\u00f6stern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr: dieses erprobte und schon tausendj\u00e4hrige Mittel zur sittlichen Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur moralischen Vervollkommnung kann sich in ein zweischneidiges Schwert verwandeln, so da\u00df es manchen vielleicht &#8211; statt zur Demut und endg\u00fcltigen Selbst\u00fcber\u00adwindung &#8211; nur zu satanischem Stolz, also zu Ketten, nicht aber zur Freiheit f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dostojevskii &#8222;Die Br\u00fcder Karamasoff&#8220; Dieser Staretz war, wie ich schon erw\u00e4hnt habe, der Staretz Sossima. Doch hier sehe ich mich gezwungen, zun\u00e4chst ein wenig zu erl\u00e4utern, wer und was diese \u201eStartzen&#8220; in unseren Kl\u00f6stern eigentlich sind. 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