{"id":431,"date":"2006-03-12T06:53:31","date_gmt":"2006-03-12T04:53:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg-hram.de\/de\/lekture\/hier-beginnt-bereits-eine-neue-geschichte\/431.html"},"modified":"2006-03-08T14:57:02","modified_gmt":"2006-03-08T12:57:02","slug":"hier-beginnt-bereits-eine-neue-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/lekture\/hier-beginnt-bereits-eine-neue-geschichte\/431.html","title":{"rendered":"Die ganze Welt sei verurteilt"},"content":{"rendered":"<p><em>aus<br \/>\nFjodr Dostojewski<br \/>\n&#8222;Schuld und S\u00fchne&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Raskolnikow lag die ganze letzte Zeit der Fasten und die Osterwoche \u00fcber im Krankenhause. Als er bereits wieder in der Genesung begriffen war, erinnerte er sich an die Tr\u00e4ume, die er w\u00e4hrend des Fiebers und der Bewu\u00dftlosigkeit gehabt hatte. Es hatte ihm in der Krankheit getr\u00e4umt, die ganze Welt sei dazu verurteilt, einer schrecklichen, noch nie dagewesenen Seuche zum Opfer zu fallen, die aus dem inneren Asien ihren Weg nach Europa nehme. Alle Menschen sollten umkommen au\u00dfer einigen ganz wenigen Auserw\u00e4hlten. Es war eine Art von neuen Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in den menschlichen K\u00f6rpern ansiedelten. <!--more--> Aber diese Wesen waren Geister, mit Verstand und Willen begabt. Wer sie in sich aufnahm, wurde sofort rasend und wahnsinnig. Aber noch niemals vorher hatten sich die Menschen f\u00fcr so klug gehalten und sich mit solcher Bestimmtheit im Besitze der Wahrheit geglaubt, wie es diese Angesteckten taten. Niemals hatten sie ihre Urteilsspr\u00fcche, ihre wissenschaftlichen Resultate, ihre moralischen Anschauungen und ihren Glauben f\u00fcr fester begr\u00fcndet gehalten. Ganze D\u00f6rfer, ganze St\u00e4dte und V\u00f6lker wurden angesteckt und verfielen dem Wahnsinn. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht mehr; jeder glaubte im Alleinbesitze der Wahrheit zu sein und wollte verzweifeln, wenn er die anderen ansah, schlug sich entsetzt an die Brust, weinte und rang die H\u00e4nde. Man wu\u00dfte nicht, wen und wie man richten sollte; man konnte sich nicht dar\u00fcber einigen, was als schlecht und was als gut zu betrachten sei. Man wu\u00dfte nicht, wen man verurteilen und wen man freisprechen sollte. Die Menschen t\u00f6teten einander in einer Art von unsinnigem Grimme. Sie taten sich zu ganzen Heeren zusammen, um einander zu bekriegen; aber die Heere fingen schon auf dem Marsche an, sich selbst zu befehden; die Reihen l\u00f6sten sich auf; die Krieger st\u00fcrzten aufeinander los, stachen und hieben, bissen und fra\u00dfen einander. In den St\u00e4dten wurde den ganzen Tag lang die Sturmglocke gel\u00e4utet; alle Einwohner wurden zusammengerufen; wer jedoch eigentlich zusammenrief und warum, das wu\u00dfte niemand; aber alle waren in gro\u00dfer Aufregung. Die gew\u00f6hnlichen Handwerke wurden nicht mehr betrieben; denn jeder trug seine Ideen, seine Reformvorschl\u00e4ge vor, aber es kam zu keiner Einigung; die Bodenbestellung h\u00f6rte auf. Hier und da sammelten sich die Menschen zu einzelnen Haufen; sie einigten sich \u00fcber dies und das, schwuren, einander nicht zu verlassen; aber gleich darauf begannen sie etwas ganz anderes zu tun als das, was sie soeben selbst angeregt hatten, beschuldigten sich gegenseitig, pr\u00fcgelten und mordeten sich. Feuersbr\u00fcnste w\u00fcteten; es brach Hungersnot aus. Alle Menschen, alle Habe ging zugrunde. Die Seuche wuchs und verbreitete sich immer weiter. Es entgingen dem Verderben in der ganzen Welt nur sehr wenige Menschen; dies waren die Reinen und Auserw\u00e4hlten, die dazu bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begr\u00fcnden und die Erde zu erneuern und zu reinigen; aber diese Menschen hatte niemand erkannt, niemand hatte ihre Worte und ihre Stimme beachtet.<\/p>\n<p>http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/dostojew\/schuldsu\/toc.htm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus Fjodr Dostojewski &#8222;Schuld und S\u00fchne&#8220; Raskolnikow lag die ganze letzte Zeit der Fasten und die Osterwoche \u00fcber im Krankenhause. Als er bereits wieder in der Genesung begriffen war, erinnerte er sich an die Tr\u00e4ume, die er w\u00e4hrend des Fiebers und der Bewu\u00dftlosigkeit gehabt hatte. 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