{"id":428,"date":"2006-03-08T14:35:26","date_gmt":"2006-03-08T12:35:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/die-geschichte-von-lazarus\/428.html"},"modified":"2006-03-08T14:35:26","modified_gmt":"2006-03-08T12:35:26","slug":"die-geschichte-von-lazarus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/tagesbuch\/die-geschichte-von-lazarus\/428.html","title":{"rendered":"Die Geschichte von Lazarus"},"content":{"rendered":"<p><em>aus<br \/>\nFjodr Dostojewski<br \/>\n&#8222;Schuld und S\u00fchne&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal bei seinem Hin- und Hergehen hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es in die Hand und besah es. Es war das Neue Testament in russischer \u00dcbersetzung. Das Buch war in Leder gebunden, aber schon alt und abgenutzt.<br \/>\n\u00bbWo hast du das her?\u00ab rief er ihr von der entfernten Ecke des Zimmers aus zu.<\/p>\n<p>Sie stand noch immer an derselben Stelle, drei Schritte vom Tische entfernt.<\/p>\n<p>\u00bbEs hat es mir jemand gebracht\u00ab, antwortete sie, anscheinend nur ungern und ohne ihn anzusehen. <!--more--><\/p>\n<p>\u00bbWer hat es dir gebracht?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbLisaweta. Ich hatte sie darum gebeten.\u00ab<\/p>\n<p>\u203aLisaweta! Seltsam!\u2039 dachte er.<\/p>\n<p>Hier bei Sonja kam ihm alles mit jedem Augenblicke seltsamer und wunderbarer vor. Er trug das Buch zu der Kerze hin und fing an, darin zu bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>\u00bbWo steht hier die Geschichte von Lazarus?\u00ab fragte er.<\/p>\n<p>Sonja blickte hartn\u00e4ckig auf den Fu\u00dfboden und antwortete nicht. Sie stand von dem Tische halb abgewendet.<\/p>\n<p>\u00bbDie Geschichte von der Auferstehung des Lazarus, wo ist die? Suche sie mir, Sonja.\u00ab<\/p>\n<p>Sie sah mit schr\u00e4gem Blicke nach ihm hin.<\/p>\n<p>\u00bbSie suchen an der falschen Stelle \u2026 Im Evangelium des Johannes \u2026\u00ab, fl\u00fcsterte sie in strengem Tone, ohne zu ihm zu treten.<\/p>\n<p>\u00bbSuch es und lies es mir vor\u00ab, sagte er und setzte sich hin; einen Ellbogen auf den Tisch aufsetzend, den Kopf in die Hand st\u00fctzend und finster zur Seite starrend, machte er sich fertig, zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Die H\u00e4nde zitterten ihr; es versagte ihr die Stimme. Zweimal fing sie an und konnte das erste Wort nicht aus der Kehle bekommen.<br \/>\n\u00bbEs lag aber einer krank, mit Namen Lazarus, von Bethanien\u00ab, brachte sie endlich mit Anstrengung hervor; aber hier brach ihre Stimme pl\u00f6tzlich mit einem unartikulierten Laute ab wie eine zu stark gespannte, zerrei\u00dfende Saite. Sie bekam keine Luft, die Brust war ihr wie zusammengeschn\u00fcrt.<\/p>\n<p>\u2026 Sie bezwang sich, unterdr\u00fcckte den Krampf in der Kehle, der ihr beim ersten Verse die Stimme geraubt hatte, und las das elfte Kapitel aus dem Evangelium des Johannes weiter vor. So gelangte sie bis zum neunzehnten Verse:<\/p>\n<p>\u00bbUnd viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu tr\u00f6sten \u00fcber ihren Bruder. Als Martha nun h\u00f6rte, da\u00df Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: \u203aHerr, w\u00e4rest du hier gewesen, mein Bruder w\u00e4re nicht gestorben. Aber ich wei\u00df auch noch, da\u00df, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Hier hielt sie wieder inne; sie merkte, da\u00df ihr die Stimme wieder zittern und versagen werde, und sch\u00e4mte sich dessen \u2026<\/p>\n<p>\u00bbJesus spricht zu ihr: \u203aDein Bruder soll auferstehen.\u2039 Martha spricht zu ihm: \u203aIch wei\u00df wohl, da\u00df er auferstehen wird in der Auferstehung am J\u00fcngsten Tage.\u2039 Jesus spricht zu ihr: \u203aIch bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich st\u00fcrbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubest du das?\u2039 Sie spricht zu ihm:\u00ab (und anscheinend nur unter Schmerzen Atem holend, las Sonja mit deutlicher, kr\u00e4ftiger Stimme, als ob sie selbst vor aller Ohren ein Bekenntnis ihres Glaubens ablegte) \u00bb\u203aHerr, ja; ich glaube, da\u00df du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Sie hielt einen Augenblick inne, hob schnell die Augen zu Raskolnikow, beherrschte sich aber sofort wieder und las weiter. Raskolnikow sa\u00df da und h\u00f6rte, ohne sich zu regen, zu. Er wendete sich nicht zu der Vorleserin hin, sondern hatte den Ellbogen auf den Tisch gest\u00fctzt und sah zur Seite. Nun waren sie bis zum zweiunddrei\u00dfigsten Verse gelangt:<\/p>\n<p>\u00bbAls nun Maria kam, da Jesus war, und s\u00e4he ihn, fiel sie zu seinen F\u00fc\u00dfen und sprach zu ihm: \u203aHerr, w\u00e4rest du hier gewesen, mein Bruder w\u00e4re nicht gestorben!\u2039 Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betr\u00fcbte sich selbst und sprach: \u203aWo habt ihr ihn hingelegt?\u2039 Sie sprachen zu ihm: \u203aHerr, komm und siehe es.\u2039 Und Jesu gingen die Augen \u00fcber. Da sprachen die Juden: \u203aSiehe, wie hat er ihn so liebgehabt!\u2039 Etliche aber unter ihnen sprachen: \u203aKonnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, da\u00df auch dieser nicht st\u00fcrbe?\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Raskolnikow wandte sich zu ihr um und blickte sie aufgeregt an. Ja, richtig! Sie zitterte am ganzen Leibe in wirklichem, wahrem Fieber. Er hatte das erwartet. Sie n\u00e4herte sich jetzt der Stelle, die von dem gr\u00f6\u00dften, unerh\u00f6rten Wunder handelt, und das Gef\u00fchl eines gewaltigen Triumphes ergriff sie. Ihre Stimme wurde klangvoll wie Metall; Triumph und Freude klangen aus ihr heraus und verliehen ihr Kraft. Die Zeilen verwirrten sich vor ihrem Blicke, weil es ihr dunkel vor den Augen wurde; aber sie konnte das, was sie las, auswendig. Bei dem letzten Verse: \u00bbKonnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat\u00ab, hatte sie, die Stimme senkend, in hei\u00dfer Erregung den Zweifel, den Vorwurf und den Tadel der ungl\u00e4ubigen, blinden Juden zum Ausdruck gebracht, die nun gleich, einen Augenblick darauf, wie vom Donner ger\u00fchrt niederfallen, schluchzen und glauben w\u00fcrden \u2026 \u203aAuch er, auch er, der auch ein Verblendeter und Ungl\u00e4ubiger ist, auch er wird es jetzt gleich h\u00f6ren, auch er wird glauben, ja, ja! Jetzt gleich, jetzt gleich!\u2039 Dieser Gedanke zuckte ihr durch den Kopf, und sie zitterte vor freudiger Erwartung.<\/p>\n<p>\u00bbJesus aber ergrimmte abermal in sich selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft, und ein Stein darauf gelegt. Jesus sprach: \u203aHebt den Stein ab.\u2039 Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: \u203aHerr, er stinkt schon; denn er ist vier Tage gelegen.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Sie legte einen starken Ton auf das Wort \u00bbvier\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbJesus spricht zu ihr: \u203aHab ich dir nicht gesagt, so du glauben w\u00fcrdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?\u2039 Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: \u203aVater, ich danke dir, da\u00df du mich erh\u00f6ret hast. Doch ich wei\u00df, da\u00df du mich allezeit h\u00f6rest; aber um des Volks willen, das umherstehet, sage ich es, da\u00df sie glauben, du habest mich gesandt.\u2039 Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: \u203aLazare, komm heraus!\u2039 Und der Verstorbene kam heraus\u00ab (sie las dies mit lauter, verz\u00fcckter Stimme, bebend und fr\u00f6stelnd, als s\u00e4he sie alles mit eigenen Augen vor sich), \u00bbgebunden mit Grabt\u00fcchern an F\u00fc\u00dfen und H\u00e4nden und sein Gesicht verh\u00fcllet mit einem Schwei\u00dftuch. Jesus spricht zu ihnen: \u203aL\u00f6set ihn auf und lasset ihn gehen.\u2039 Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.\u00ab<\/p>\n<p>Weiter las sie nicht, und sie war auch nicht imstande dazu; sie machte das Buch zu und stand schnell vom Stuhle auf.<\/p>\n<p>\u00bbDa ist die Geschichte von der Auferstehung des Lazarus zu Ende\u00ab, sagte sie stockend und mit finsterem Gesichte und stand nun regungslos da, zur Seite abgewandt; sie wagte vor Scham nicht die Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Zittern dauerte noch fort.<\/p>\n<p> Das Licht in dem verbogenen Leuchter war schon ganz tief herabgebrannt und beleuchtete tr\u00fcbe in diesem \u00e4rmlichen Zimmer den M\u00f6rder und die Dirne, die sich so sonderbar zum Lesen des ewigen Buches zusammengefunden hatten.<\/p>\n<p>http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/dostojew\/schuldsu\/chap24.htm<br \/>\nhttp:\/\/gutenberg.spiegel.de\/dostojew\/schuldsu\/toc.htm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus Fjodr Dostojewski &#8222;Schuld und S\u00fchne&#8220; &#8222;Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal bei seinem Hin- und Hergehen hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es in die Hand und besah es. Es war das Neue Testament in russischer \u00dcbersetzung. Das Buch war in Leder gebunden, aber schon alt und abgenutzt. \u00bbWo hast du das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,1],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/428"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=428"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/428\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamburg-hram.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}