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Tagesbuch

Was ist ein Staretz?

15.04.2006 | Thema: Tagebuch |

von Dostojevskii „Die Brüder Karamasoff“

Dieser Staretz war, wie ich schon erwähnt habe, der Staretz Sossima. Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung be­gnügen müssen.

Viele Sachkundige behaupten, das Startzen­tum sei bei uns in unseren russischen Klöstern erst seit kurzer Zeit eingeführt, kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten, besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend Jahren vorkomme. Es wird zwar gleichfalls behauptet, das Startzentum habe auch bei uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden, sei dann aber infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, in­folge des Tatarenjochs, der inneren Unruhen, der Unter­brechung unserer früheren Beziehungen zum Morgenlande nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, in Vergessenheit geraten.

Wieder aufgekommen aber sei es jetzt seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Glaubenseiferer, Paissij Welitschkówskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und nicht selten ist es sogar als eine in Rußland unerhörte Neuerung nahezu Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in Rußland in der berühmten Einsiedelei der Optina von Kosélsk.

Wann und durch wen es auch in un­serem nahe bei der Stadt gelegenen Kloster eingeführt wor­den ist, weiß ich nicht; doch hat es dort schon drei Startzen gegeben, von denen der Staretz Sossima als dritter und letz­ter noch lebte, nur siechte jetzt auch er schon in Krankheit und Schwäche dahin. Wer ihn aber einmal ersetzen sollte, das wußte man noch nicht. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, dа es sich bis dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: es gab in ihm weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene“ , wundertätige Hei­ligenbilder, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vater­land Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu sehen und zu hören Pilger in Scharen von weit herkamen und oft Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten.

Doch was ist nun solch ein Staretz?

Der Staretz ist ein Mönch, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt hat, sagt man sich vom eigenen Willen los und übergibt ihn dem Staretz zu unbedingtem Gehorsam bei vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung, diese furcht­bare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er endlich durch lebensläng­lichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, – das heißt, um sich von sich selbst zu befreien, auf daß er dem Los derer entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht bleiben.

Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben und ist heute schon eine tausendjährige Einrichtung. Die Verpflichtungen dem Staretz gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche »Gehorsam« (oder »Dienst«), der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden und die unlösbare Verbindung zwi­schen dem Gebundenen und dem Bindenden.

Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des Christen­tums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz auferlegt worden war, nicht erfüllt, sondern das Kloster verlassen hatte und in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war. Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den sie fast schon als Heiligen verehrte, bestatten wollte, dа war der Sarg plötzlich bei den Worten des Diakonus: »Katechumenen, entfernet euch!« mit der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur Kirche hinausgeflogen, und also war es dreimal geschehen. Erst spä­ter hatte man erfahren, daß der heilige Dulder das Gehor­samsgelübde gebrochen und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die Erlaubnis dieses Staretz, ungeachtet seiner großen Taten, nicht verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein Staretz ihn vom Gehorsam losgesprochen hatte. Natürlich ist das nur eine alte Legende, aber ich will noch eine andere Begeben­heit aus unserer Zeit erzählen.

Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in ein Athoskloster zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein Staretz, Athos zu verlassen – Athos, seinen stillen Zufluchtsort, an dem er wie an einem Heiligtum mit aller Liebe seiner Seele hing! – und zuerst nach Jerusalem und dann zurück nach Rußland, in den Nor­den, nach Sibirien zu gehen: »Dort ist dein Platz, nicht hier.« Der erschrockene und von Kummer niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen Patriarchen und flehte ihn an, sein Gehorsamsgelübde aufzuheben; da aber antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal ein Staretz auferlegt hatte, ent­binden könnte, abgesehen natürlich von jenem Staretz selbst.

So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine unbe­grenzte und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit gestoßen ist. Vom Volk indes wurden die Startzen alsbald sehr geachtet und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die einfachsten als die vor­nehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel, Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten. Dagegen führten dann die Gegner der Startzen außer ande­ren Beschuldigungen an, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Fall das fortwährende Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wird. Es endete schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr: dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur moralischen Vervollkommnung kann sich in ein zweischneidiges Schwert verwandeln, so daß es manchen vielleicht – statt zur Demut und endgültigen Selbstüber­windung – nur zu satanischem Stolz, also zu Ketten, nicht aber zur Freiheit führt.


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