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Tagesbuch

Die ganze Welt sei verurteilt

12.03.2006 | Thema: Lektüre |

aus
Fjodr Dostojewski
„Schuld und Sühne“

Raskolnikow lag die ganze letzte Zeit der Fasten und die Osterwoche über im Krankenhause. Als er bereits wieder in der Genesung begriffen war, erinnerte er sich an die Träume, die er während des Fiebers und der Bewußtlosigkeit gehabt hatte. Es hatte ihm in der Krankheit geträumt, die ganze Welt sei dazu verurteilt, einer schrecklichen, noch nie dagewesenen Seuche zum Opfer zu fallen, die aus dem inneren Asien ihren Weg nach Europa nehme. Alle Menschen sollten umkommen außer einigen ganz wenigen Auserwählten. Es war eine Art von neuen Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in den menschlichen Körpern ansiedelten. Aber diese Wesen waren Geister, mit Verstand und Willen begabt. Wer sie in sich aufnahm, wurde sofort rasend und wahnsinnig. Aber noch niemals vorher hatten sich die Menschen für so klug gehalten und sich mit solcher Bestimmtheit im Besitze der Wahrheit geglaubt, wie es diese Angesteckten taten. Niemals hatten sie ihre Urteilssprüche, ihre wissenschaftlichen Resultate, ihre moralischen Anschauungen und ihren Glauben für fester begründet gehalten. Ganze Dörfer, ganze Städte und Völker wurden angesteckt und verfielen dem Wahnsinn. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht mehr; jeder glaubte im Alleinbesitze der Wahrheit zu sein und wollte verzweifeln, wenn er die anderen ansah, schlug sich entsetzt an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte nicht, wen und wie man richten sollte; man konnte sich nicht darüber einigen, was als schlecht und was als gut zu betrachten sei. Man wußte nicht, wen man verurteilen und wen man freisprechen sollte. Die Menschen töteten einander in einer Art von unsinnigem Grimme. Sie taten sich zu ganzen Heeren zusammen, um einander zu bekriegen; aber die Heere fingen schon auf dem Marsche an, sich selbst zu befehden; die Reihen lösten sich auf; die Krieger stürzten aufeinander los, stachen und hieben, bissen und fraßen einander. In den Städten wurde den ganzen Tag lang die Sturmglocke geläutet; alle Einwohner wurden zusammengerufen; wer jedoch eigentlich zusammenrief und warum, das wußte niemand; aber alle waren in großer Aufregung. Die gewöhnlichen Handwerke wurden nicht mehr betrieben; denn jeder trug seine Ideen, seine Reformvorschläge vor, aber es kam zu keiner Einigung; die Bodenbestellung hörte auf. Hier und da sammelten sich die Menschen zu einzelnen Haufen; sie einigten sich über dies und das, schwuren, einander nicht zu verlassen; aber gleich darauf begannen sie etwas ganz anderes zu tun als das, was sie soeben selbst angeregt hatten, beschuldigten sich gegenseitig, prügelten und mordeten sich. Feuersbrünste wüteten; es brach Hungersnot aus. Alle Menschen, alle Habe ging zugrunde. Die Seuche wuchs und verbreitete sich immer weiter. Es entgingen dem Verderben in der ganzen Welt nur sehr wenige Menschen; dies waren die Reinen und Auserwählten, die dazu bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen und die Erde zu erneuern und zu reinigen; aber diese Menschen hatte niemand erkannt, niemand hatte ihre Worte und ihre Stimme beachtet.

http://gutenberg.spiegel.de/dostojew/schuldsu/toc.htm


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