Russische Orthodoxe Kirche zu Hamburg

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50 Jahre Orthodoxie in Deutschland

13.09.2005 | Thema: Ambrosius Backhaus |

Ambrosius Backhaus
(23.08.1923 – 03.04.2005)

26.12.2003
München

Hochverehrte Bischöfe, liebe Brüder, liebe Brüder und Schwestern, vielen Dank, dass wir hier zusammensind. Als ich am 7.April 1950 zum Priester geweiht wurde, war es insofern ein besonderer Tag, als es gleichzeitig …. Verkündigung und Karfreitag war. Am Vormittag feierten wir die Liturgie, in der der Bischof, damals Bischof, später Erzbischof Athanasius mich zum Priester geweiht hat und anschließend begannen dann die Karfreitagsgottesdienste. Als ich damals zum Priester geweiht wurde, 1950, bekam ich ein hölzernes Kreuz, da gab es noch keine Kreuze, man konnte auch keine kaufen – es ist vielleicht wichtig, wenn wir uns daran erinnern, dass das eine sehr einfache Zeit war, in der die Orthodoxie nicht in ihrer überfließenden Schönheit der Kirchen, Ikonen, Gewänder gelebt hat, sondern ganz einfach.
Es fing mit einem hölzernen Kreuz an, meine Frau Kira fand das hölzerne Kreuz sehr schön, das Kreuz des Herrn war aus Holz und dieses auch; aber es war sehr unpraktisch, es war viel zu leicht, und es hing immer an einer völlig unmöglichen Stelle, aber nicht da, wo es hingehörte. Ein Jahr später hat dann eine Gemeinde für mich gesammelt und dieses Kreuz erworben von einem Priester, der ein goldenes Kreuz bekommen hatte. Und dieses Kreuz habe ich immer noch, in Erinnerung an diese Zeit. Auch ein Kreuz auf dem die Worte des heiligen Apostel stehen, dass wir nicht nur schön reden und singen sollen, sondern auch mit unserem Leben das Evangelium verkünden.
Damals gab es sehr viele Baracken-Kirchen, es gibt Statistiker, die meinen es seien damals in Hamburg und Umgebung eine Million Flüchtlinge aus dem Osten gewesen, das waren wirkliche Baracken-Kirchen, wo Planten un Blomen war, also eine Ausstellung mit Blumen und Bäumen und Wasser, waren damals lauter Baracken aufgestellt, und unter diesen Baracken war auch eine Barackenkirche – dann gab es eine große Barackenkirche in Neugraben, und in Wentdorf in den großen Kasernen, war einer der Böden ganz oben unter dem Dach als eine riesige Kirche ausgebaut, in die fünfhundert bis sechshundert Menschen passten.
Es war alles sehr einfach. Und die damaligen Russen meistens, aber auch Bulgaren und Serben, richteten eben ihre Kirche mit einer Bilderwand, mit einer Ikonostase ein, und da ja über dem Altar, wie in allen orthodoxen Kirchen, das Abendmahl dargestellt wurde, es aber keine Ikonen gab, verwandten sie mit großer Begeisterung das berühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci, was für einen Ikonenfachmann zwar sehr schön als Kunstwerk ist, aber allen Regeln und Gesetzen der Ikonen widerspricht. In Lübeck in der kleinen Kirche sammelten die orthodoxen aus Zeitschriften, Zeitungen, Kalendern Papierikonen, die dann sehr sorgfältig auf Holzplatten oder Faserplatten aufgeklebt und mit einem Lack überzogen wurden, so 1950 – heute existieren noch einige von diesen Ikonen in der Lübecker Kirche, viele sind aber nun durch richtige, ja, da fragt man ja schon, richtige Ikonen ersetzt, was man da unter richtig versteht.
Ich möchte Ihnen auch gerne ein Verständnis für die Gemeinschaft zwischen Russen und Deutschen deutlich machen, und deshalb werde ich auch davon etwas erzählen.
Die Deutschen kannten die Orthodoxie hauptsächlich aus den Kirchen des neunzehnten Jahrhunderts. Goethe noch etwas früher, erzählt, wie er in Weimar die orthodoxe Kirche besucht hatte, diese Kirchen waren Kirchen der Prinzessinnen, die aus Russland nach Deutschland gekommen waren. Die wurden ganz und gar im Stil der damaligen Zeit gebaut, wer in Wiesbaden, ich nenne nur eine einzige Kirche, in Wiesbaden in der schönen Kirche auf dem Neroberg gewesen ist, der erkennt die Kirche außen als eine orthodoxe Kirche, innen aber fühlt er sich eigentlich in das neunzehnte Jahrhundert, der damaligen Stilform des Malens, versetzt. Die Gemeinschaft zwischen Orthodoxen und Deutschen Katholiken und Evangelischen ist sehr viel enger, als wir glauben. Ich erzähle nur eine einzige historische Tatsache, dass Konservatorium in Moskau, wurde 1866 gegründet, 41 Prozent der dortigen Sänger und Lehrer waren Deutsche. Das Konservatorium in St.Petersburg wurde 1862 gegründet, 37 Prozent Deutsche. Wir machen uns oft nicht klar, dass gerade in der Musik der Einfluß nicht nur der Italiener, sondern eben auch der Deutschen in Russland ganz erheblich gewesen ist, und das was wir heute als typisch russische Musik all den berühmten Komponisten kennen, herausgewachsen ist herausgewachsen ist aus einer deutsch-russischen Gemeinschaft aus Dresden, aus den großen deutschen Städten kamen die Menschen nach Russland und lehrten die Musik und lebten die Musik mit den Russen zusammen, genauso umgekehrt, die Russen kamen hierher.
Was wussten die Deutschen 1950 von der Orthodoxie? Eigentlich nichts. Harnack schrieb einige Jahrzehnte vorher, die Orthodoxie sei das versteinerte dritte Jahrhundert. Und das war das, was jeder evangelische und katholische Geistliche gelernt hatte und wenn er gefragt wurde, auch davon erzählte und dass es auch später noch Entwicklungen der Orthodoxie gegeben hat, das es zum Beispiel ein Konzil gegeben hat, auf dem die Ikonenverehrung, das Leben mit den Ikonen in besonderer Weise verkündigt wurde, hat Harnack offenbar nicht mehr gelesen, er ist nur bis zum dritten Jahrhundert gekommen in seinen Studien.
Hans Ehrenberg hat etwa um 1948 zwei Bände veröffentlicht über politische und religionsphilosophische Philosophen – Promjakow, Tschadajew wurden damals zum ersten Mal in Deutschland überhaupt gelesen. Aber sehr viel mehr kannten die Deutschen von den Russen durch die Donkosaken, die waren ja gerade damals nach dem zweiten Weltkrieg waren die so richtig berühmt, vorher hat es das auch schon gegeben, in dem Kaffee Vaterland, was in Hamburg heute nicht mehr gibt, an der Binnenalster, sang Sergei, der später in der Kirche auch sehr viel bei uns gesungen hat, war damals ein junger Mann noch, er war der berühmte Russe, den die Deutschen eben kannten und nachdem sie dir Russen eben einschätzen, können singen.
Ich habe von den Auswanderern gesprochen, diese Auswanderer haben sehr stark das orthodoxe Leben geprägt, die hatten erstens Furcht vor Registrierung, das ist eine Furcht oder eine Verhaltensweise, die weitgehend auch heute noch lebendig ist, viele Orthodoxe Russen, aber auch Serben, Bulgaren, Georgier, sind gern beim Priester bekannt, aber sehr ungern stehen sie in einer Liste. Das hat nichts mit den Beiträgen zu tun, dass sie dann bezahlen müssen, sondern das ist eine uralte Furcht, die damals noch berechtigt war; die Leute glaubten, dass die Kirchenältesten die Listen der Russen nach Russland nach Russland verkauften, damit dann die NKWD sie abholen konnte – alles sehr phantastische Vorstellungen, aber die haben sehr stark das Leben bestimmt – das heißt, wir hatten also keinerlei Listen, keine zuverlässigen Listen über die Menschen, die in die Kirche kamen, die kamen und gingen. Zweitens (erstens war?) hatten sie eine große Angst vor der Sowjet-Union, die Grenze war ja unmittelbar nah, ich rede jetzt von Hamburg, und infolge dessen wollten sie so schnell wie irgend möglich weg, weit, weit weg, nach Australien, nach Kanada, nach Amerika, nach Südamerika – nach Argentinien – und wer blieb zurück? Es wird immer viel über die Unmenschlichkeit in der Geschichte geredet, aber diese Unmenschlichkeit ist völlig vergessen worden – die Alliierten Auswanderungskommissionen, die Menschen zur Auswanderung zuließen, und dann auch die Auswanderung und den Transport bezahlten, die Eingliederung in Argentinien, Australien usw bezahlten, nahmen keine Alten, keine Vorbestraften, und keine Kranken, vor allem keine Tuberkulose-kranken. Auch wer nur irgendwann mal eine Tuberkulose gehabt hatte, das heißt, es blieb eine sehr seltsame Struktur, eine sehr seltsame Ordnung der Gemeinden zurück, es waren alte Leute, die bestenfalls Fürsorgeunterstützung bekamen, das waren Vorbestrafte, aus völlig harmlosen Gründen, das waren keine großen Verbrecher, sondern die hatten eben eine nicht ganz saubere Vergangenheit, und das waren Kranke. Vor allem Tuberkulose Kranke – es fehlten vor allem junge Menschen, es fehlten auch weitgehend leistungsfähige Menschen. Es waren Gemeinden in denen wirklich sozusagen die Sehschwachen den Hörschwachen beistanden, und man miteinander gut lebte – aber man kann sich das kaum vorstellen, eine Gemeinde, in der es keine Jugend, keine Kinder gibt, in der es keine kräftigen Gesunden gibt, in denen es auch vielleicht einen einzigen gibt, der etwas verdient. Die andern hatten kaum irgend welches Geld. Aber russische Kultur wurde von den Russen damals auch schon vertreten, eine Frau ..ina – hatte einen Kulturkreis, das heißt in ihrer kleinen Wohnung kamen die Leute zusammen, man saß auf dem Teppich; es wurde russische Musik gesungen, es wurde vorgelesen, aus russischen Werken auf Russisch und auf Deutsch, vor allem wurde die russische Küche probiert, russische Getränke kannten die Deutschen vorher auch schon, aber nicht so gut die russische Küche, und es wurde mit einander geredet, eine Familie … hat das in einer etwas anderen Form ebenso in Hamburg, da gab es Vereine und Gemeinschaften, dann gab es zwei große Konkurrenz-Bälle, einen großen Ball im Atlantik, der wurde von …., organisiert und einer in Eppendorf, der wurde von der …. – organisiert. Infolgedessen, ja, was ich Ihnen eigentlich sagen will: Das war der Eindruck, den die Deutschen von den Russen hatten. Musik, Lesungen, Küche, Bälle. Interessante, nette Leute – in der Kirche Alte, uralte Leute, die kaum irgendwie noch leistungsfähig waren, und infolgedessen war das eben eine ausgesprochen schwierige oder eigentümliche Situation.
Da will ich Ihnen doch noch etwas davon erzählen, weil das vielleicht nicht nur für mich typisch ist – warum ich nun gerade orthodox geworden bin.
Ich bin 1923 geboren, mein Großvater war evangelischer Pastor in Bremen. Bremen ist eine besondere Stadt vor allem in der evangelischen Kirche, da hat es immer schon Dinge gegeben, die es sonst nicht gegeben hat – mein Großvater war ein Ökumeniker, er kannte nur dieses Wort nicht, er hatte einen Rotweinabend mit dem Rabbiner und mit dem Katholischen Geistlichen zusammen, jede Woche einmal; und meine Mutter war eine sehr selbständige Dame, die bei den Bällen 1905 in Bremen kein Korsett mehr trug, was geradezu haarsträubend war, und auch sonst sich ungewöhnlich verhalten hat; wir sind aufgewachsen fünf Kinder mit Vorlesen, Märchen, Sagen, es wurde jeden Morgen gesungen, Kirchenlieder, andere Lieder – die Kirche aber eigentlich und das Christentum im Sinne von Jesus Christus spielte eine geringere Rolle, vordringlicher oder wichtiger war eigentlich Kultur, Menschlichkeit. Infolgedessen hatte ich dann als junger Mensch, getauft mit dem Wasser des Starnberger Sees, aber später kein Verhältnis zur Kirche gehabt, hatte ich Schwierigkeiten mit dem Christentum. Mit dem Anspruch des Christentums, dass es die einzig wahre Religion wäre – bei uns werde eben doch auch sehr viel aus asiatischer, aus fernöstlicher Kultur vorgelesen, und ich habe mir dann viele Mühe gemacht, ich will das nicht sehr lange erzählen, habe fernöstliche Sprachen gelernt, und mich mit der Kultur beschäftigt vom Buddhismus bis zu den Japanern und bis zum Sanskrit, und zu der Baga … – ich hatte immer wieder das Gefühl, eine großartige Welt, eine großartige Welt transzendenter Wirklichkeit, das heißt, das auch die unsichtbare Welt eine unmittelbare Rolle spielt, und das Christentum eine Randerscheinung in einem kleinen unbedeutenden Land am Rande der Großmächte, eben gerade um diese Zeit, wurde Christus dort in Bethlehem geboren, erhebt einen Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein. Das Ergebnis war nicht so plötzlich, es hat bei mir lange gedauert, bis ich das wirklich so richtig begriffen habe, aber dann habe ich es auch begriffen – und was ich begriffen habe: Es gibt keine Religion und keine Philosophie, in der Gott der Allmächtige Herr, der das Universum und mich geschaffen hat, mich persönlich bei meinem Namen kennt. – Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen und Du bist mein – steht schon im Alten Testament, auch die Juden mit den Christen zusammen, gehören zu denen, die unwahrscheinlicher weise, glauben, nein, deshalb daraus lesen, dass Gott mich persönlich bei meinem Namen kennt. So hat Er mich geschaffen, so ruft Er mich in der Taufe, so spricht Er zu mir beim Empfang des Heiligen Abendmahls, so wird Er mich einmal richten, wenn Er wiederkommt, zu richten die Lebenden und die Toten. Damit war das Christentum für mich überzeugend; die einzig wahre Religion. In den anderen Religionen ist genauso viel Schönheit und genau so viel Innigkeit, aber wie Blaise Pascal schon in den letzten …. geschrieben hat, den Briefen an einen Provancaren, einen Mann in der Provance, kann ich nur sagen, das ist so großartig, der Gedanke, dass Gott mich persönlich bei meinem Namen kennt, das auch, wenn es nicht stimmen sollte, ich mein ganzes Leben mit Begeisterung darauf begründe. Ich bin auch der Überzeugung, dass es stimmt. Aber dann kamen die nächsten großen Schwierigkeiten für mich mit der Kirche. Christus hat mich immer überzeugt, die Bibel, das einzige Buch, in dem die Wahrheit steht, da wird nicht fromm und ergriffen am Totenbett des Sokrates Philosophie gesprochen, sondern da streiten sich die Jünger nach dem Abendmahl, wer der Größte ist; das war die Welt in der ich lebte, und die ich kannte. Die Bibel hat mich überzeugt, aber nicht die Kirche. Und dann war ich in Russland als Soldat und in Gefangenschaft und in den großen Katastrophen des Krieges und der Gefangenschaft habe ich gelernt, dass man mit Gott, mit Christus unmittelbar reden kann, da braucht man keine Kirche – da gibt es auch keine Kirche, keine kirchlichen Möglichkeiten, da ist es der Herr selbst, Der mich geführt hat, auf eine sehr erstaunliche Weise.
Dann bin ich aus russischer Gefangenschaft nach Hause gekommen, und dann ging alles schief – diese Klarheit des Lebens in der Katastrophe in Krieg und Gefangenschaft, das ist nicht die Klarheit unseres alltäglichen Lebens hier. Wir leben hier nur von Kompromissen; ich überlege ja schon wieder, mit welchem Zug ich nach Hamburg fahren muß, um in Lübeck Gottesdienst zu halten, wir leben – ja – von gegenseitiger Vergebung, von gegenseitiger Liebe – vom mit einander auskommen.
Sich miteinander ertragen, glücklich sein, dass wir zusammen sind, …. vielen Dank für die Gemeinschaft.
Das ist ganz etwas anderes, und der gelbe Kaiser, der große chinesische Kaiser hat schon gesagt: warum lieben die Menschen den Krieg so sehr? Antwort: weil sie genau wissen, was sie tun müssen.
Im Frieden ist das alles so’n bisschen kompliziert. Und da habe ich begriffen, was Kirche ist – eben: die Gemeinschaft derer, die miteinander leben – die in all ihrer Demut und Unvollkommenheit als unvollkommene Menschen, aber doch von Gott geliebte, die Gott bei ihrem Namen gerufen hat, zusammen gesammelt sind …… die Kirche, die Gott zusammen gesammelt hat – na ja, gut, also die Kirche ist doch etwas ganz Wichtiges – aber die Orthodoxie? Es gibt ja viele Kirchen. 1948/49 da war die Evangelische und die Katholische Kirche etwas völlig anderes wie heute – auch die Freikirchen kann man kaum, wenn man sie heute sieht, mit der damaligen Zeit vergleichen. Aber für mich war es relativ – damals – einfach, nach den Studien der katholischen und evangelischen Theologie – zu erkennen, dass das nicht meine Kirche ist. Die Katholische Kirche war mir zu klug, es war alles bis ins letzte hin definiert und festgelegt und klar und logisch gesagt, etwas was mir unwirklich vorkam, was ich mit meiner Erfahrung meines täglichen Lebens, des täglichen Lebens nicht in Übereinstimmung bringen konnte. Judas, wie Sie wahrscheinlich wissen, stirbt leider auf verschiedene Weise in dem neuen Testament, das deckt sich nicht so recht – was soll man nun tun? Und die Katholiken haben interpoliert, wie man das nennt, sie haben die einzelnen Verse, die einzelnen Aussagen dieser verschiedenen Berichte aus den Evangelien, aus der Apostelgeschichte so ineinandergefügt, dass sie ein verlässliches gutes, schlüssiges Bild ergeben, eine großartige Leistung; ich habe sehr viel Thomas von Aquin studiert, was es damals sonst noch gab, Romano Guardini, eine großartige Leistung, aber für mich nicht die Wirklichkeit, in der ich gelebt habe.
Und die evangelische Theologie – ja, da fehlten die Engel, da fehlte die Gemeinschaft mit den Toten, mit den Entschlafenen, die Segnung des Wassers, die Segnung der Ikonen – dieses handfeste körperliche Leben, die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes war mir da nicht griffig genug, und so war es in der Orthodoxie.
Und dann wollte ich natürlich auch die orthodoxe Kirche kennen lernen – ich konnte damals russisch, bisschen schlechter wie jetzt, ich hatte es in Gefangenschaft gelernt, ich dachte, ich konnte russisch, ich konnte mich da gut verständigen, aber ich konnte weder Puschkin lesen noch Dostojewski, ich kannte jedes dritte Wort nicht – ich kam dann in die orthodoxe Kirche in Hamburg und wurde so liebevoll aufgenommen, spielte sicher auch eine Rolle – und nicht nur die Theorie, nicht nur die Gedanken über die Kirche, sondern auch die Praxis hat mich überzeugt. Damals hieß ich noch Arnold, und den gab es nicht so richtig im orthodoxen Kalender, und nun heiße ich Ambrosius, wie sie wissen, und ich will auch nicht so viele Geschichten erzählen, der heilige Ambrosius hat mir immer deshalb gefallen, weil Augustinus von ihm berichtet, dass er in seinem Studierzimmer saß, und immer die Tür offen hatte, so dass jeder ihn sehen konnte, und dass er immer – eben: seine Tür offen hatte.
So hat Augustin das erzählt, und so habe ich das nachher als Direktor praktisch auch getan – man wird nicht so viel gestört, wie man denken sollte, aber man hat ein ganz anderes – ja, eine offene Tür – ja, ein ganz anderes Verhältnis zu denen, die eben mal an der Tür vorbeigehen, und eben nicht vorbeigehen, sondern auch hereinkommen.
Ja – wie habe ich Theologie gelernt? Ja, schlecht – die Ausbildung bestand vor allen Dingen im Gespräch, im Gespräch mit Erzbischof Stefan ……. , den vielleicht manche von Ihnen kennen, ein ganz origineller Mann, mit Bischof Athanasius und damals in den Lagern in Hamburg waren viele kluge orthodoxe Theologen und Priester und mit denen habe ich dann gesprochen. Und dann habe ich gebetet – und auch heute noch – das Gebet ist eigentlich für mich die Ausbildung – schlechtes Wort dafür – aber durch das Gebet segnet mich Gott und steht Er mir bei, dass ich etwas Vernünftiges sagen kann – und die Gebete gehören ja auch zu den erstaunlichsten Dingen, und wenn man eben immer ein Gebetbuch in der Tasche hat, und die Gebete vorm heiligen Abendmahl – können Sie ja ausrechnen 1950 bin ich zum Priester geweiht – einige tausend Male gelesen hat und jedes Mal auch beim 2443 mal noch etwas neues entdeckt, dann weiß man, was Gebet bedeutet. Das ist Gespräch mit Gott und gleichzeitig auch Offenbarung oder Aneignung oder Inkorporierung, es wird einem ganz nahe, dessen, was Gott uns offenbart hat.
Dann haben für mich immer die Auswahl der Lesungen eine ganz entscheidende Rolle für mein orthodoxes Verständnis der Heiligen Schrift – der Kirche – bedeutet. Das ist ja nicht selbstverständlich, wer die Lesungsordnung, also was jetzt am nächsten Sonntag als Apostel, als Prokim, als Evangelium gelesen wird, wie das zusammengestellt wird, was da eventuell noch zusätzlich gelesen wird, weil gerade der Feiertag des heiligen Kyriakos oder Ähnliches ist, das ist ein erstaunliches Kunstwerk, eine Auslegung oder eine Aneignung der Heiligen Schrift, dadurch leben wir aus der Bibel – nicht aus einem Buch, was wir von A bis Z lesen, sondern was uns immer wieder gesagt wird, verkündet wird, in einer ganz konkreten Situation, und wenn ich einen Vortrag zu halten hatte, zu irgend einem Thema, dann habe ich mir zunächst einmal angesehen, welche Stellen die Kirche bei den Festen – etwa zu Ostern, zu Weihnachten – da ausgewählt hat, und ich habe seit langer Zeit eine alte deutsche Bibel, und da sind alle Stellen angestrichen, die in der Orthodoxen Kirche gelesen werden, das ist nicht die ganze Bibel, da fehlen viele, viele Seiten – die ganze Apokalypse, die ganze Offenbarung des Johannes fehlt – also die Auswahl der Lesungen gehörte für mich zur Ausbildung oder zum Lernen dessen, was ich als Priester tue, sage, lebe.
Und die Texte der Gottesdienste, was dort alles in den Texten der Gottesdienste – im …
In dem Kanon, in den Prokimen drin steht, ist völlig unausschöpflich und ich wundere mich immer wieder, was ich alles überlesen habe, was ich gar nicht so gemerkt habe, was mir gar nicht so wichtig gewesen ist. Unser Gott ist ein Gott, der Wunder tut – ein Prokimen, also ein vorlaufender Text, der, wie Sie ja wissen, am Ostersonntag beim Abendgottesdienst in einer besonders feierlichen Weise in der Mitte der Kirche gelesen und gesungen wird – und wer die mal von Gedda gesungen gehört, der weiß, dass dann die Kirche wackelt, das ist wirklich eine der Grundlagen. Unser Gott ist ein Gott, der Wunder tut. Ja, tut er das denn?
Ich humple doch vor mich hin, es gibt doch gar kein Wunder – es gibt auch viele andere, die davon erzählen, dass die Wunder für sie nicht entscheidend sind, der heilige Apostel Paulus sagt: Ich habe gebeten – aber der Herr hat gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen – und im Hebräerbrief, was wir immer lesen, wenn wir der Heiligen gedenken, der Heiligen Märtyrer und der Heiligen, da sind viele, die haben die Erlösung nicht angenommen, weil sie etwas besseres hatten – und da habe ich begriffen, gerade bei diesem Kontin..non – unser Gott ist ein Gott der Wunder tut.
Die entscheidenden Wunder sind für mich nicht die großen, sondern die kleinen, die unendlich vielen kleinen Wunder, die jeden Tag meines Lebens und Ihres Lebens begleiten – die wir nur so leicht übersehen –
Also: Text des Gottesdienstes, Auswahl der Lesungen, Gebet und dann Vorträge. Da ich damals einer der wenigen deutsch sprechenden orthodoxen war, glaubte man, ich könnte über alles reden, ich habe das dann auch geglaubt, und habe mich dann eben vorbereitet: Gebet, Auswahl der Lesungen, Texte des Gottesdienstes – und habe mich auch schlau gemacht, wie die Hamburger sagen, und habe oft nach den Vorträgen auf den großen Tagungen in den katholischen und evangelischen Theologen, die einen Namen hatten, ich kleine Wurst, die da drunter war, habe dann festgestellt, dass sie ihr Wissen auch meistens aus der Enzyklopädie oder aus dem Lexikon hatten – also so schwierig war das auch nicht.
Aber da habe ich dann doch gelernt, wie in einer besonderen Weise, die orthodoxe Kirche mit dem Glauben umgeht. Und dazu gehört die deutsche Sprache – es ist ja sehr seltsam, dass es so verschiedene Sprachen gibt, es ist sehr seltsam, dass der Herr Jesus Christus in aramäisch und hebräisch redet, und dass wir seine Worte auf griechisch überliefert bekommen haben. Versuchen Sie sich das mal für den Islam vorzustellen. Undenkbar – nur das arabische Wort ist das wahre Wort Allahs – oder denken Sie an den Pali-Kanon des Buddhismus, da müssen Sie schon die Sprache lernen, wenn Sie das verstehen wollen – wir nicht. Der Herr liebt das übersetzen, und Er übersetzt Sein Wort immer wieder in unsere Muttersprache. Johannes auf Patmos diktiert griechisch, Heronimus in Bethlehem schreibt lateinisch, Luther auf der Wartburg deutsch, James W – die große englische Ausgabe, von S die französische Ausgabe, von Calvin und Zwingli, die Züricher Ausgabe, ganz seltsam, was da eigentlich geschieht. (
Und nun war das Problem, dass die Orthodoxen immer ihre Sprache für die beste halten – Methodios und Kyrillos haben zwar heftig sich gestritten mit den Prälaten, mit dem Papst, über die Irrlehre, dass man nur in lateinisch, griechisch und hebräisch beten dürfte – Methodios schwitzt – da fragen ihn die Prälaten: warum schwitzt du denn – da sagt er: wenn man mit so dummen Leuten wie ihr reden muß, dann muß man schon ins Schwitzen kommen. So ging das damals in Prag zu. Aber obwohl die Orthodoxen leidenschaftliche Übersetzer sind, lange vor den Bibelübersetzungen des Westens haben sie die Sprache ins Japanische, ins Chinesische, in die ganzen Dialekte Sibiriens übersetzt – die Orthodoxen, auch die Griechen, leidenschaftliche Übersetzer – aber ihre Sprache ist die Beste – auch die Russen haben ja das Gefühl: na ja, Deutsch, auch eine schöne Sprache, aber beten in Deutsch? Und das ist das Problem. 1949 wurde ein deutscher Chor in Hamburg gegründet, von Theodor Gerassimow, der Vermessungsingenieur war, und der mir sehr schön erzählt hat – entschuldigen Sie, wenn ich so Kleinigkeiten auch mal erzähle – wie er studiert hat, er musste ja Physik studieren, um Vermessungsingenieur studieren zu können, da sagt er: Vater Ambrosius, alles alles unklar, und mit einmal alles ganz klar!, und so ist er dann Ingenieur geworden und hat viele Dinge in Hamburg vermessen. Aber er hat einen deutschen Chor gegründet, mit einer Leidenschaft, bewundernswert – er hat immer wieder Leute gefunden, die da mit ihm zusammen sangen. Na gut, die Russen haben das dann auch geduldet, einmal im Monat, alte Tradition, in Hamburg wird also deutsch gesungen, der erste Sonntag im Monat ist auf deutsch, aber richtig ist das eigentlich nur in russisch, oder slawisch, auch wenn man es nicht versteht – das macht nichts. Das ist eben richtig orthodox.
Ihnen ist ja wahrscheinlich auch klar, ich will ja niemand beleidigen, wegen seiner schlechten slawischen Kenntnisse, aber dass sie einen deutschen Text, wenn sie einen Kanon lesen – das fängt ja schon beim Apostel Paulus an, die Deutsche Übersetzung besser verstehen, als die slawische – aber das macht nichts, das liegt einfach am Flair der Sprache, und deshalb habe ich dann auch viele Vorträge gehalten, gerade auch für Russen, für die deutsche Sprache – ich habe gesagt: das ist für euch entscheidend, dass in der Kirche auch deutsch gesprochen wird, damit ihr nicht sozusagen in einer falschen Welt lebt, auf der Strasse spricht man deutsch und in der Kirche spricht man russisch, also der Glaube ist die Kirche, und die Straße ist etwas anderes – deshalb muß auch die Sprache der Strasse in der Kirche gebetet werden, damit ich auch, wenn ich auf der Straße bin, im Bus fahre, arbeite, mit den Menschen zusammen bin und diese etwas holprige deutsche Sprache höre, dass ich dann gleichzeitig auch im Gebet bin – denn das ist für die Orthodoxie entscheidend: Es gibt keinen Gegensatz zwischen profan und heilig; ich rede gleich wieder deutsch. Für den Westen gibt es viele westliche Theologen und Philosophen, für die gibt es eine heilige Welt, eine sakrale Welt und eine profane Welt, also eine Welt, in der das Heilige nicht die entscheidende Richtschnur ist, ich meine für das Christentum. Die Orthodoxie von Anfang an gibt es keine Trennung – den ersten Kuß geben sich liebende vor der Ikone der Mutter unseres Herrn Jesus Christus in der Kirche, das heißt, alles, was in der Kirche geschieht, ist maßgeblich für unser alltägliches Leben, und deshalb ist es so wichtig, ich war noch bei der Sprache, es ist es eben so wichtig, dass diese deutsche Sprache auch im orthodoxen Gottesdienst gehört wird, damit die Menschen, gerade die Russen, die aus der Kirche herausgehen und deutsch hören, nicht glauben, dass sie jetzt den Herrschaftsbereich Jesu Christi verlassen haben, sondern ganz im Gegenteil.
Es hat sich ja ständig geändert. Wir haben (wo?) Zeiten gehabt, wo fast alle in die Kirche kamen, deutsch sprachen, die meisten sogar besser deutsch – auch die Kinder etwa der Emigranten des ersten Weltkrieges – und heute haben wir wieder eine Kirche, wo ich wieder auch bei einnem deutschen Gottesdienst in meiner russischen Art versuche, russisch zu predigen, weil da viele Leute sind, die kein Deutsch kennen.
Was ist nun weiter – noch einen kleinen Abschnitt, und dann machen wir eine Pause – was soll nun weiter geschehen, um die Orthodoxie lebendig zu machen in Deutschland? Das waren die Tagungen in München, damit fing das so an, Kloster des Heiligen Hiob, wo der Machao …. , Sekretär Erzbischof Alexanders uns immer wieder fast mit Tränen in den Augen auf seinem Deutsch gesagt hat: Ihr müßt die Nachtwache, die …. immer halten, und nicht verkürzen und nicht aufgeben, das ist das Leben der Kirche. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass es bei den Griechen zum Teil ja anders ist, die feiern die Orthros, die ….. morgens vor der Liturgie und am Abend zwar eine sehr ausführliche — eine Vesper, einen Abendgottesdienst – aber er hat uns immer wieder gesagt, bei den Tagungen über die Orthodoxie: davon lebt die Kirche, von dieser Nachtwache. Dort waren auch viele Deutsche und da ist dann übersetzt und gesprochen worden, und ich erinnere noch, wie da so ein kleiner, ich erinnere noch einen sehr frommen evangelischen Kirchendichter wohl auch, als wir dann darüber sprachen: wie übersetzen wir denn uns ganzes Leben Christus unserem Gott zu übergeben, was bei jeder Liturgie der Schlusssatz ist, er sagte: wie schön wäre es, wenn wir das Wort befehlen: Befiel du meine Wege – unser ganzes Leben Christus, unserem Gott, befehlen. Keine Probleme der Übersetzung, sondern ich fand einfach so schön, dass da eine Gemeinschaft zwischen Deutschen und Russen entstand, und der eben aus seinem Empfinden: Befiel du meine Wege – aus diesem Lied heraus sagte – das ist doch ein Wort, was die Deutschen natürlich selbstverständlich nicht gleich richtig verstehen, was auch so grammatikalisch so mit den Fällen etwas Schwierigkeiten hat – aber das ist vielleicht überhaupt das gemeinsame Leben der Kirche und der Übersetzung. Diese Tagungen, ob das in München war oder in Frankfurt oder an anderen Orten, brachten viel weniger dogmatische Probleme, als vom geistigen Leben, geistlichen Leben der Kirche. Ich erinnere noch eine Serie von Vorträgen über die Mystik der Ostkirche, die ich dann halten musste, wo ich sehr bald das Wort „Mystik“ immer in Anführungsstriche gesetzt habe, denn eben für den Westen gibt es, was im Herzengebet der Orthodoxen Kirche im Buch vom Pilger zum Ausdruck kommt, gibt es dies geistige, dies geistliche, dies innerste Leben des Herzens nicht getrennt, sondern das ist integriert, wie man sagt, das lebt unmittelbar im alltäglichen Leben, aber man kann schon davon sprechen, dass die Orthodoxie immer das, was die Mystik erfährt, nämlich die unmittelbare Begegnung mit Gott in der Offenheit und Aufmerksamkeit des Herzens als einen selbstverständlichen Bestandteil jedes Gottesdienstes und jeder Frömmigkeit verkündet.
Und dann begann sich etwas zu verändern – die Orthodoxie war nicht mehr nur russisch, ursprünglich war doch das, was gerade an Orthodoxen Gruß (?) in den Westen gekommen ist, denken wir an Malzew, der damals die ganzen Texte übersetzt hat, denken Sie an die Kirchen, die in Wiesbaden und überall gebaut wurden, denken Sie an Berlin, an Tegel, und was da alles noch zu berichten ist, das war wesentlich russisch, und nun kamen die Griechen, aber auch die Bulgaren und die Rumänen – Jeremäus, der Metropolit, der ja lange Zeit der Vorgänger von Augustinus war, und der von den Kretern entführt wurde, weil sie ihn wieder zurück nach Kreta haben wollten, das war ein Mann, der sprach so ausgezeichnet deutsch und konnte auf eine so – ja großartige – Weise das verkünden – dann erinnere ich noch einen griechischen Professor, dessen Namen mir nicht einfällt, dessen Name ganz berühmt war, der einmal einen Vortrag gehalten hat, in dem er sehr schön gesagt hat: Tradition, was ist das? Tradition ist für den Westen hier ist Christus geboren und nun wird das über die Geschichte weiterhin tradiert(?), das ist nicht orthodox, sondern: hier ist Christus geboren, Christus, wie Johannes von Damaskus sagt, ein glühendes Messer, er schneidet mit dem Messer eine Spur in die Geschichte, nach Bethlehem und gleichzeitig prägt er mit dem brennenden Messer eine Spur in die Ewigkeit. Das heißt, das Ereignis der Geburt in Bethlehem geschieht einmal in Bethlehem zur Zeit des Kaisers Augustus, und gleichzeitig geschieht es in der Ewigkeit – und wenn wir jetzt Weihnachten feiern, dann erinnern wir uns nicht hier an dieses Ereignis in der Geschichte, sondern dann öffnen wir unser Herz, das aus der Ewigkeit das Licht der Geburt Jesu Christi in unsere Zeit scheint.
Ich glaube, dass das eine Aussage damals gewesen, ich meine, das wäre in der Akademie in Tutzing gewesen, wo dieser Vortrag gehalten wurde, eine Aussage gewesen, die weitgehend auf gerade das moderne Verhältnis zwischen Orthodoxie, Evangelisch, Katholisch und Freikirchlich geprägt hat. Denn die Evangelischen und Katholiken streiten sich ja immer noch über Tradition und Heilige Schrift, und gerade mit dieser Vorstellung der Tradition, dass die Tradition eben die ständige Gegenwart Gottes in unserer Zeit hier – wenn wir das heilige Abendmahl feiern, dann bricht aus der Herrlichkeit des Himmels unsere Welt auf und Christus in unserer Mitte, wie Er Gründonnerstag in Jerusalem gewesen ist, wir haben unmittelbaren Anteil in der Gemeinschaft mit Christus.
Dann gab es die Himmelstür, gibt es ja immer noch, das serbische Kloster von denen sehr viel, die haben auch sehr viel auf Deutsch gedruckt, ein altes katholisches Kloster, das die Serben umgebaut haben, in der Nähe von Hildesheim, dann gibt es Brinkhausen, ein altes katholisches Kloster, was die Kopten wieder aufgebaut haben. Also die Orthodoxie ist nicht nur russisch, dann gab es auch den ökumenischen Aussprachekreis in Hamburg seit 1950, evangelisch, katholisch, orthodox; sind ja immer wieder nur die Großkirchen, da will ich später noch von sprechen, dann gab es durch den Dr.Michaelis von ihm ausgelöst die Ansgar Vesper also ein gemeinsamer Gottesdienst aller Kirchen und Konfessionen in Hamburg, in dem aber sehr starke orthodoxe Elemente eine Rolle spielten, dann gab es vor kurzem in Ratzeburg zur Eröffnung der Umweltakademie von Skandinavien, war ein gemeinsamer Gottesdienst, wo die orthodoxe Wasserweihe – Kinder trugen das Wasser aus dem Ratzeburger See in die Kirche hinein, das wurde in eine Schale gefüllt, und dann haben wir Orthodoxen dort wie eben eine kleine Wasserweihe gefeiert, und dann ging der Gottesdienst weiter und heute habe ich gerade eben gehört von einem jungen Pastor, dessen Kind wurde anschließend mit diesem Wasser getauft, diesem geweihten Wasser – Sie machen sich vielleicht nicht klar, was das bedeutet – das hat es vor 50 Jahren nicht gegeben, das wäre Magie gewesen, das wäre unmöglich gewesen, das wäre Abfall vom Glauben gewesen, nur das reine Wort – und jetzt feiern die Evangelischen, die Katholiken, die Freikirchen, die Orthodoxen zusammen in dem gewissermassen die Orthodoxe Wasserweihe unmittelbar integriert wird, und die sind auch noch froh darüber, geweihtes Wasser zu haben. Vor 50 Jahren hätten sie darüber nur den Kopf geschüttelt.
Und das letzte Beispiel noch vor der Pause: In der Christus-König Kirche in Lokstedt haben wir vor kurzem eine Lichtermeditation mit den Evangelischen zusammen gehalten, ich habe eine Ikonenausstellung, ich komme noch dazu, was das alles bedeutet, und anschließend wurde eine Ikone in die dunkle Kirche getragen und da wurde dann unter Gesängen von Teseh mit orthodoxen Gebeten auch eben die Lichter entzündet – alles ganz erstaunlich, dass wir heute in einer Welt leben, wo die Kirchen die sich in gewisser Hinsicht weit von einander entfernt haben, denken Sie an den Umgang mit der Heiligen Schrift, aber letzten Endes wieder zusammengewachsen sind in dem Bewusstsein, dass die Menschwerdung Gottes uns eingeladen hat, teilzuhaben mit unseren Sinnen, unserer Nase, mit unseren Ohren, wir dürfen sogar Weihrauch in der evangelischen Kirche verwenden, mit unseren Nasen, mit unseren Ohren, mit unseren Augen, mit unseren Fingern etwas anfassen. Und so wurde dort vor einer orthodoxen Ikone gebetet und gesungen und die Lichter entzündet zu einer erstaunlichen Gemeinschaft, und so wachsen wir einerseits zu einer Gemeinschaft, ich möchte Ihnen noch mehr davon erzählen, wie behutsam wir mit dieser Pflanze umgehen möchten.
Pause
Ja, vielen Dank für das bisherige Zuhören, ich möchte Ihnen eben gerne etwas deutlich machen, wie wir Orthodoxe in Deutschland in der Gemeinschaft oder im Zusammensein mit vielen anderen Kirchen und Religionen, unser eigenes Wesen wirklich verkünden. Denn wir sind ja keine Randerscheinung mehr, das sind wir einmal gewesen, wir sind heute ein erheblicher, sichtbarer, bekannter Bestandteil des deutschen Lebens in Deutschland – infolgedessen ist es auch an uns, das was wir von Christus bekommen haben, weiter zu geben, mutig und liebevoll zu verkünden, das könnte man unter einem lateinischen Wort zusammenfassen: der nicht exklusive Superlativ – wenn wir nicht überzeugt sind, dass nur wir recht haben, wenn wir nicht überzeugt, dass unser Gebet, unser Leben mit Christus, unser Gottesdienst und unsere Kirche die einzig wahre Kirche ist, dann brauchen wir keine Christen und keine Orthodoxen zu sein.
Aber wenn wir das Geschenk der Orthodoxie, des rechten Gottesdienstes und Lobpreises, dazu verwenden, andere schlecht zu machen, dann sind wir töricht.
Meine Frau ist die beste, schönste, herrlichste, kann alles am Besten – das wird jeder, der eine Frau liebt, genau so sagen, und töricht ist es, auf die anderen Frauen zu zeigen und sie schlecht zu machen.
Genauso, wir dürfen erfüllt sein, von der Freude und der Dankbarkeit, was uns Gott anvertraut hat, und haben keinen Grund auf andere herab zu gucken, oder die das auch noch fühlen zu lassen.
Ich möchte das an einem ganz schwierigen Beispiel zunächst deutlich machen – der Umgang mit den Freikirchen. Die Baptisten sind ja die einzigen, die in Russland einigermassen Fuß gefasst haben, obwohl sie in allen wesentlichen anders sind, wie die Orthodoxen, ich wollte eigentlich sagen: alles falsch machen. Und denken Sie, dass die berühmten Novellen von Ljeskow – der Gast beim Bauern, am Rande der Welt – alles baptistische Erzählungen sind, jedenfalls vom baptistischen Geist erfüllt sind, und nicht von den Deutschen sondern auch von den Russen als orthodox oft empfunden werden, warum? Weil die Freikirchen in einer ungewöhnlichen Weise unmittelbar mit Gott sprechen, und das tun die Orthodoxen auch, in einer ganz anderen Weise. Und wir haben heute eine neue Gemeinschaft mit den Freikirchen, wir glauben, dass Gottes Wort verbindlich ist. Sowohl die evangelische wie die katholische Theologie ist heute geneigt, das Wort Gottes unter menschlichen, klugen Gesichtspunkten zu sortieren, – solche Art fährt nur aus durch Beten und Fasten – nein, nein, Vater Ambrosius, das steht nur in einem Kodex, in den anderen Codices steht nur: fährt nur aus durch beten – euer Fasten ist völlig überflüssig. So moderne westliche Theologie. Und die Freikirchen sind mit uns zusammen die, die das Wort Gottes so wörtlich nehmen, wie es in der Bibel steht.
Ich habe das durch Begegnungen erlebt, Vorträge in Prediger Seminaren, orthodoxe Verkündigung des Osterfestes für baptistische Kinder in einem Freilager, darüber, wie wir mit dem Wort Gottes umgehen ein gemeinsames Gespräch. Ich habe mich nur gewundert, wie gut wir uns verstehen und wie deutlich es ist, dass die Freikirchen eben einen anderen Weg gehen, einen Weg, der uns nicht liegt, und dem wir auch nicht folgen können. Aber das wir uns darin verstehen, dass Gott uns in Seinem Wort anredet, und dass weder Bultmann noch Drewermann noch ähnliche Theologen eine Rolle spielen, das verbindet uns. Aber das verbindet uns vor allen Dingen auch mit dem Kopf. Wenn Sie etwa den Bischof Damian, der ja wie ich auch Arzt ist, wenn Sie den Bischof Damian von der Heiligen Schrift reden hören, dann sind Sie selbst als Orthodoxer immer wieder erstaunt, wie er unmittelbar das Wort Gottes ernst nimmt, wie das da steht, ohne große Relativität und Klugheit. Und nur so können wir mit dem Wort umgehen. In dem wir es nicht verbessern, sondern in dem wir ihm immer wieder zu hören – so tut das Hiob, Hiob in Seiner Not wird gut beraten von den besten damaligen Theologen, die alles erklären können, das nützt dem Hiob überhaupt nichts. Aber als Gott mit ihm redet, und als er für seine Freunde betet, für diese Theologen betet – das ist ja auch erstaunlich, Hiob betet, Gott sagt ihm das: bete für die, sonst wird es denen ganz schlecht gehen, und Hiob betet für seine Freunde, für diese Ungläubigen Freunde, die mit großer Klugheit alles erklären wollen.
Ich will nur ein Wort sagen über den Umgang mit den Muslimen, mit den Juden. Es hat in Jerusalem eine Tagung zwischen den Orthodoxen, ich meine das seien ganz verschiedene Orthodoxe – Griechen, Russen gewesen – und Juden – und die Orthodoxen haben dann gesagt: was ihr da alles fragt, was ihr da alles für Probleme habt, unsere jüdischen Freunde, können wir nicht verstehen. Aber wenn Euch das wichtig ist, dann soll es uns auch wichtig sein.
So auch wir, da wir jetzt in einer Welt leben, mit Juden, mit Muslimen, hier in Deutschland, meine ich, muß es oder darf es uns wichtig sein, was diese unsere Brüder und Schwestern eigentlich erleben.
Die Orthodoxie hat eine Verkündigung in dieser Welt zwischen Evangelischen und Freikirchen und Katholiken, die nur die Orthodoxie so vertreten kann, von Maria der Immerjungfrau, der Gottesgebärerin.
Ich hatte eine Tagung in Lübeck und habe dann meinen evangelischen und Freunden gesagt, ich könnte nicht verstehen, wie sie Jesus Christus, ewiger Gott, Mensch geworden, als Mensch erleben können, wenn sie nicht an Maria denken – wer nicht sich ganz wehmütig aber auch begeistert vorstellt, Christus neun Monate im Leibe der Maria, neun Monate, – in den Gesängen der orthodoxen Kirche von ihrem purpurfarbigen Blut hast Du Christus Deinen Leib gebildet. Das kann man nicht in Theorie, das muß man einfach anschauen. Geboren in Bethlehem, in den Armen Seiner Mutter, sie trägt Ihn uns entgegen. Wie auf den Ikonen der orthodoxen Kirche immer wieder zu sehen ist. Auch ein unbegreifliches Geschehen, wie die Kirche, wie wir. Wir tragen den Leib und das Blut des Herrn Jesus Christus vom Altar in die Gemeinde hinein – entgegen – damit jeder von uns der erste bei Christus ist, so trägt sie uns Christus entgegen – sie sagt den Leuten in Kanaan: was Er euch sagt, das tut. Ohne lange zu reflektieren und zu diskutieren, was da geschehen soll. Was Er euch sagt, das tut.
Sie steht unter dem Kreuz, sie trägt den Gekreuzigten auf ihren Armen, sie ist die, die mit den Jüngern verbunden, zusammen ist, als er gen Himmel fährt, als der Heilige Geist auf sie herabkommt. Es gab keine so richtige Antwort auf meine Frage, wie könnt ihr die Menschwerdung Gottes erleben und glauben, wenn ihr nicht immer wieder an Maria denkt und an seine heilige Mutter, und an die Gottesgebärerin, an dieses unbegreifliche Geheimnis, was dort geschehen ist?
Aber erstaunlicherweise nimmt die orthodoxe Weise, dass Magnifikat, also das was wir bei der utr.. , beim Morgengottesdienst Gottesgebärerin, Jungfrau Maria immer wieder singen, nimmt Einzug und wenn Orthodoxe dabei sind, dann lieben es heute Katholische und Evangelische Christen, wenn die Orthodoxen diese: die du geehrter bist als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim – singen.
In der etwas erfahrenen, meine ich, aus der Geschichte zu verstehenden Schwierigkeit mit Maria zwischen evangelischen und katholischen Christen sind wir als Orthodoxe eben nicht vorbelastet von der Geschichte. Unsere Marienverehrung, die oft sehr viel lebendiger ist, als selbst die katholische, wird auch von den reformierten und evangelischen angenommen, und ich meine hier haben wir wirklich eine Verkündigung, immer wieder von Maria zu sprechen, der Immerjungfrau, der Gottesgebärerin, die den Herrn geboren hat, zu verkünden, dass wir nur mit ihr zusammen, durch sie, durch ihre Fürbitte, durch ihre Gemeinschaft ahnen, erfahren, ergreifen, begreifen, glauben können, das Gott wirklich Mensch geworden ist.
Dazu gehören auch die Engel, die Liturgen des Himmels, die Nähe zu Gott und diese Nähe zu Gott wird eben auch in besonderer Weise wichtig in unserer Weihe.
Wenn ein moderner Ikonenmalkurs – das ist ja wohl hier bei Ihnen genauso wie bei uns im Norden – also üblich, dass die Menschen dann einen – ein Russe kommt aus Russland, ein Ikonenmaler, und dann malen sie zusammen eine Woche Ikonen und dann wollen sie die Ikonen geweiht haben. Und dann habe ich immer so die Schwierigkeiten, zunächst mal auch im Denken – was meinen sie eigentlich damit, was glauben sie, warum sollen die Ikonen geweiht werden. Ja, Vater Ambrosius, Ikonen müssen geweiht werden. Ich frage: Warum? Ja, das ist immer so gewesen – ich sage: ja, aber doch nicht bei Ihnen. Ja, aber bei Euch. Warum denn. Naja, und dann versuche ich zu sagen, die Weihe ist: ich gebe die Ikone Gott zurück – ich sage: wir Menschen eignen uns immer alles an, alles gehört uns (1.Mose 1,28-30?) und in der Weihe in der Segnung sagen wir: Herr, das habe ich zwar mit Deiner Hilfe geschaffen, aber ich gebe es Dir wieder zurück.
Und das erstaunliche ist, dass die große Wasserweihe am Epiphaniastag von den Griechen ausgehend, aber alle zusammen mit den Evangelischen und Katholischen zusammen an der Elbe gefeiert wird, ein großer Zug, meistens der Bischof aus Hannover, der kommt nach Hamburg, und dann zieht er da – jetzt auf die R R – und dann wirft er mit großem Geschick zwischen die Eisschollen, falls da welche sind, das Kreuz ins Wasser, und die Bischöfin Jepsen, die Vorsteherin der Evangelischen Kirche, der katholische Bischof, Freikirchen, alle sind mit dabei.
Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste Mal einen Vortrag gehalten habe, oder die Predigt gehalten habe, bei der Vorbereitung in der Katharinenkirche, weil da so evangelische waren, die sagten, das darf man nicht, das ist so Magie, das ist Heidentum – und eben auch dort erzählt, was das bedeutet, dass wir die Natur, das Wasser Gott in die Hände geben – das ist doch ganz modern. Umweltschutz – der Umweltschutz beginnt nicht bei uns, sondern, dass wir uns lossagen von unserer Herrschaft, wie wir das in der Taufe machen – ich sage mich los von der Gewaltherrschaft des Teufels. Unsere Gewaltherrschaft über diese Schöpfung, das ist die Nähe zu Gott, auf Den wir zugehen, zu Dem wir auch kommen, zu Dem wir auf dem Wege sind.
Die Orthodoxie habe ich schon gesagt, ist kein Provisorium mehr, das sieht man einmal an der Zahl, das sieht man aber vor allen Dingen jetzt auch an den neuen Kirchbauten; auch diese Kirche hier, oder die Kirche in Frankfurt oder die Kirche in Hamburg, das sind richtige Kirchen mit richtigen Ikonen, das ist kein Papier, das dort an den Wänden hängt, das ist kein Abendmahl von Leonardo da Vinci, sondern das ist eine richtige orthodoxe Ikone. Vielleicht habe ich mich so etwas ausdrücken können, und Ihnen verständlich machen, was das bedeutet. 1950, nach 1945 war das alles provisorisch, das ist nichts Schlechtes, die Kirche darf auch im Provisorium leben, aber jetzt geschieht etwas ganz neues: Unsere Kirchengebäude, sind Gebäude, die nach richtigen orthodoxen Regeln errichtet oder umgebaut sind – die orthodoxe Kirche in Hamburg des seligen Prokop, ist meines Wissens nach die einzige Kirche, die von den Erzbischof Philotheus und dem Maler Meiendorf zusammen bis in die kleinste Einzelheit geplant worden ist, so dass jede Ikone genau an der Stelle ist, wo sie nach Überzeugung des Bischofs und des Meiendorf eben hingehört, und wo sie auf diese Weise das Evangelium unmittelbar verkündet. Auf der einen Seite das Bild des heiligen Abendmahls in der Ikonostase, gegenüber der Hain Mamre oben auf der gegenüberliegenden Wand, auf der einen Seite die Propheten des alten Bundes auf der anderen Seite die Heiligen, die Märtyrer der Kirche, so fügt sich alles zusammen, die heiligen Engel umgeben oben den Pantokrator, den Allerhalter in der Kuppel. So ist das also alles zusammen gefügt.
Auch die Ikonen werden wirkliche Ikonen, die sind von Ikonenmalern gemalt, ob sie jetzt an die neue serbische Kirche in Hannover denken, oder ob sie an Frankfurt denken, oder wo auch immer – da geschieht also etwas Neues. Die Orthodoxie ist jetzt nicht mehr ein Provisorium, sondern wir gehören unmittelbar zu dieser deutschen Welt, da sind unsere Kirchen, und diese Kirchen sind jetzt wirklich – nicht wie die Kirchen, die für die Prinzessinnen gebaut wurden – die doch sehr viel Rücksichtnahmen letzten Endes auf den Stilform, die Kunstform der damaligen Zeit, sondern sie sind ursprünglich, aus dem innersten Wesen heraus orthodox.
Auch der Gesang – gerade wenn Sie hier an die Gesangsform hier in München denken, an den Versuch, wieder den alten Orthodoxen Gesang zu praktizieren, das heißt, ich mache das jetzt ganz einfach – das man nur in kleinen Terzen singt. Das fällt uns sehr schwer, das bedeutet aber, dass der Gesang nach unseren Vorstellungen, nach den Vorstellungen westlicher Musik von Dur nach Moll wechselt, so dass also auch gerade im Gesang auch wieder ganz bewusste Auslegung des Textes geschieht – im Gesang und in der Sprache, das ist auch etwas, was ich so in Hamburg eben miterlebt habe im Laufe der Zeit, wir haben zu Anfang, also der Deutsche Chor 1949: Singt also die Texte, die damals bei Malzew, also bei der Übersetzung aus der Jahrhundertwende vorlagen, recht und schlecht – und dann kam nach einiger Zeit der Gerassimow, und die anderen Chordirigenten und sagten: Vater Ambrosius, so kann man das Deutsch nicht singen. Dann haben wir zusammen überlegt, wie man die Deutsche Sprache, der slawischen Musik letzten Endes anpassen kann, aber so, dass beides wieder zusammen kommt, und wenn Sie jetzt heute nach über 50 Jahren die Gesänge hören, dann spüren Sie, daß auch die Sprache, die deutsche Sprache ist eingefügt in die Ordnung der Troparien und Kondaktien und der ganzen Gesänge, aber gleichzeitig hat die Musik auch einen ganz leichten deutschen Flair bekommen – vielleicht können Sie sich das vorstellen, wenn Sie daran denken, wie die slawische Musik entstanden ist – die Griechen kamen in die Rus nach Kiew, sangen dort die Gesänge, die die Russen für mich unverständlicherweise als Paradiesgesang empfunden haben, …… , also doch eine für uns sehr fremde Musikform, die Russen waren hingerissen, und jetzt wurden die griechischen Troparien, die griechischen Texte ins Slawische übersetzt und wurden zunächst mit den griechischen Melodien gesungen, das kann man auch noch nachweisen, aber dann begann die slawische Sprache die griechische Melodie umzuformen, dass dann die slawischen Melodien entstanden, die nur noch für den Fachmann an die griechischen erinnern – genau ist das jetzt zwischen den slawischen und den deutschen geschehen. Das heißt gerade im Rahmen der Musik geschieht also außerordentlich viel, und ich habe häufiger bei Musikvereinigungen, bei der Seniorenunion in Hamburg etwa über die orthodoxe Musik und über dieses Wesen, wie hier Wort und Gesang miteinander zusammenwächst, und wie sich beides vereint, und daraus sozusagen ein gemeinsames künstlerisches Gebilde wird.
Das bedeutet, dass wir unsere Gesänge und unser Singen doch immer sehr viel stärker erleben nicht nur das klingt nicht nur schön, sondern das verkündet den Glauben. Gerade der berühmte deutsche Kammerchor in Hamburg, der gibt auch gerne Konzerte, dann singt er meistens russisch oder slawisch und nicht deutsch, weil das einfach schöner und klangvoller ist.
Denken Sie an noch etwas, was das Provisorium abgelöst hat – die Glocken: wir haben doch früher in den orthodoxen Kirchen keine Glocken – ein Glöckchen vielleicht – gehabt; aber wer was von orthodoxen Glockenspiel versteht, wenn ich dieses Wort einfach so verwenden darf, der weiß, was das bedeutet, dass wir jetzt heute in den verschiedenen Kirchen, die doch mehrere Glocken haben, und die Verkündigung der Glocken, an denen man ja hören kann, ob Ostern ist, oder ob eine Beerdigung ist, lässt sich zum Ausdruck bringen.
Die Orthodoxen sind nun zu einem Partner geworden, das sieht man ja auch immer, wir werden jetzt ja auch häufiger eingeladen – nicht mehr überall, aber denken Sie an den Kirchentag, wo wir auch immer dran denken, die Orthodoxen sind nicht mehr Exoten, sondern sie gehören einfach mit dazu. Hat zunächst eine nicht so ganz angenehme Folge, die Unterstützung wird sehr viel spärlicher, die Orthodoxen sind nicht mehr die Armen, die man unterstützen muß, die evangelischen und katholischen Kirchen haben ja auch nichts mehr – infolgedessen müssen die eben selbstständig sein, das ist ja nun auch eine selbständige Kirche; aber das bedeutet, dass wir doch vielleicht eine ganz neue Form des Umganges, ich möchte nicht so gern das Wort: selbstbewusst in den Vordergrund stellen, aber es hat doch Zeiten gegeben, wo wir eben doch die Betreuten waren, denen man half, und denen man ganz freundlich gesinnt war, und auch mal ‚ne Kirche gab. Wir dürfen heute unseren Glauben und unser orthodoxes Leben wirklich vertreten, ja, wie ich schon gesagt habe mit einem nichtexklusiven Superlativ, mit dem Bewusstsein und der Freude, dass Christus uns etwas ganz besonderes und einmaliges anvertraut hat.
Ich möchte jetzt auf meine Weise vom Moskauer Patriarchat sprechen, und ich möchte Ihnen erzählen, wie das Deutschen das erlebt haben. Ich rede jetzt überhaupt nicht von der großen Theologie, sondern einfach was das für die Deutschen gewesen ist. Zunächst mal gab es die DDR und die BRD, die DDR war Moskauer Patriarchat und in der BRD gab es eben auch irgend welche orthodoxen Kirchen. Dann waren die westlichen Kirchen, die Katholiken und Evangelischen gewohnt, mit den Großen zu sprechen, das heißt, nicht mit uns, sondern mit dem Moskauer Patriarchat – die ganzen Gespräche, die theologischen Gespräche, die geführt worden sind, zwischen den Katholiken und Evangelischen einerseits wurden mit dem Moskauer Patriarcht geführt, oder mit der rumänischen Kirche, das lag aber daran, dass die Rumänen in der letzten Zeit eine ganz weltbekannte Theologie entwickelt haben, infolgedessen gab es also auch solche Gespräche. Aber wir waren nicht dabei – ein Gespräch unter den Großen. Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich möchte Ihnen jetzt nur deutlich machen, wie das also einfach so geschehen ist; und die Exilkirche, etwas vom Moskauer Patriarchat vielleicht gesteuert, aber im Grunde einfach so selbstverständlich im Bewusstsein des Westens war eine zaristische Kirche, das war die Kirche, die dem russischen Zar noch anhing; das das alles Unsinn ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, aber so hat man das einfach erlebt, und dann kam natürlich dazu, dass der Alexander da auf das Schloß der westlichen Fürsten fuhr und dort eine Panichida hielt für die Königin, die eine Russin gewesen war, insofern erlebten eben die Deutschen immer wieder die Exilkirche, die eben dafür da ist, um eben dieses alte königliche, zaristische Russland zu vertreten. Die Sache wurde etwas unsicherer durch die Gebete für die Kriegsgefangenen. Das begann in Bergen Belsen und das ist in Lübeck alte Tradition, das war auch einmal in Aachen, haben sie einen Gottesdienst gehalten, diese riesigen Friedhöfe wo eben unendlich viele tausende und zehntausende von Russen liegen, die auf schreckliche Weise als Kriegsgefangene umgekommen sind, und da sah man dann plötzlich, dass diese Kirche ja nicht nur für die Adligen da ist, – eine Schwierigkeit im Gespräch mit den evangelischen und katholischen Freunden war, dass die natürlich beeindruckt waren von ihren Erlebnissen in Russland. Das müssen Sie sich auch wieder vorstellen, die werden nach Petersburg oder nach Leningrad damals eingeladen oder nach Moskau oder nach Sagorsk und erleben da einfach dies großartige, diese Weite Russlands, und dann kommen sie zurück, und dann haben wir gesagt: die leugnen doch die Märtyrer, und dann, ich höre das immer noch, dann sagte ein Oberkirchenrat, guckt mich strafend an und sagte: Wir haben in Russland nicht über die Märtyrer sondern mit den Märtyrern gesprochen. Ja, und dann sind sie natürlich zunächst erst mal sprachlos. Ich habe das alles vielleicht etwas holzschnittartig, etwas übertrieben, aber nicht sehr. Dann hatte ich einen Vortrag gehalten, über die Berechtigung der orthodoxen Kirche oder die Geschichte der Orthodoxen Kirche, und ich wollte mich gern verständlich machen, und ich habe gesprochen, entscheidend ist, dass das Moskauer Patriarchat über Jahrzehnte hinweg alle Märtyrer geleugnet hat, das hat niemals ein Mensch in der Sowjetunion um Christi willen gelitten – diese Erklärung war ein regelmäßige Erklärung der Kirche. Man kann natürlich sagen, das diese Erklärung nicht falsch war, denn während in den ersten Jahrhunderten die Leute gefragt wurden, bist Du Christ, und wenn Du darauf bestandest, dann wurdest du den Tieren vorgeworfen, waren die Prozesse gegen die Christen in der Sowjetunion immer Prozesse Kollaboration mit dem Westen, Unterschlagung von Kirchengut, das heißt die formale Seite – aber ich habe damals sehr ausdrücklich gesagt, und meine, das ist auch wirklich: die Exilkirche hatte schon deshalb einen Grund zu bestehen, damit sie für diese zehn- und hunderttausende Menschen eintritt, die um Christi willen gestorben sind. Dann gab es noch eine zweite Erklärung, die vom Moskauer Patriarchat gelegentlich gemacht wurde, der sowjetische Staat sei dem Reich Gottes am Nächsten. Ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern. Ja, darüber kann man natürlich nur lachen, man kann sich aber auch darüber ärgern. Man kann natürlich sagen, wer würde von uns sagen, dass die Bundesrepublik dem Reich Gottes näher ist, wie der Amerikanische demokratische Staat – eine sinnlose Frage. Aber für den Sowjetstaat, für Stalin und Chrustchow war das natürlich sehr schön sagt: ihr hört es ja, wir sind dem Reich Gottes am Nächsten. Dann gab es eine ganz erstaunliche Sache, das Gebet für Stalin, für den toten Stalin. Das hat es noch nie in der Geschichte gegeben, kein Kalif ist auf die Idee gekommen, von den Christen zu verlangen, dass sie für einen verstorbenen Kalifen beten, das ist so einmalig in der Geschichte, dass man darüber lange reden sollte, will ich aber nicht. Und das seltsame ist, dass in Dresden während des ersten Weltkrieges der orthodoxen Kirche der Gottesdienst verboten wurde, weil man nicht genau wusste, ob die russisch betenden in der orthodoxen Kirche in Dresden nicht vielleicht für den Sieg der russischen Armee beten würden. Das ist aktenkundig, vom Polizeipräsidenten in Dresden liegt das also vor. So dass offenbar Staaten das Gebet der Kirche sehr viel wichtiger ansehen, als wir das vermuten. Und dann das Problem mit den Märtyrern, mit dem Zar, der als Märtyrer bekannt wird. Das alles stand alles zunächst mal nur zu Verständigung, dass die Deutschen verstehen konnten und ahnen konnten, warum es eine Exilkirche eigentlich gab. Dann wurde der Vorhang aufgehoben, wie man so schön sagt, und nun haben wir ja alle miterlebt, sind wir auf einem Wege, dessen Ende wir noch nicht kennen, und das im Augenblick für die Deutschen so schwer zu begreifen ist weil die so ungeduldig sind, die wollen uns ja immer vorschreiben, Bischof Mark haben wir ja auch erlebt, was wir machen müssen, und wenn man ihnen sagt, es muß wachsen, es muß etwas wachsen, und außerdem dürfen wir hier wieder sagen, wir sind nun nicht mehr die Betreuten Orthodoxen, sondern die Partner in dem Deutschen Land, infolgedessen: Dies ist unser Leben, unser eigenes Leben.
Und zum Schluß möchte ich nocheinmal über die Frage unserer Gemeinschaft mit den Russen, die jetzt zu uns kommen, das ist ja nicht immer ganz einfach. Ich bin ja häufig in der Sowjetunion gewesen als Arzt, häufig auch mit dem Auto, und will Ihnen nur von zwei Gesprächen erinnern, weil mich das so beeindruckt hat – ich bin an der Grenze in der Nähe von Llow und das Auto wird von vorne bis hinten auseinander genommen, nicht aus Bosheit, aus Neugierde, sie haben sich alles zeigen lassen, ich habe ihnen auch alles gezeigt, wie das ist – die haben nicht gemerkt, dass Wasserpumpe und alles doppelt eingebaut war, das haben sie nicht gesehen, aber sonst hatten die, also waren, und als ich dann zum Schluß ganz alleine mit dem Zöllner war, der guckte sich dann um und fragte: haben Sie eine Bibel? Nein, hatte ich nicht, ich dachte, man dürfe keine mitnehmen. Ich wusste auch nicht, dass der eine hatte. Und dann bin ich Kiew, in Odessa und lasse das Auto waschen, weil ich es auf das Schiff bringen sollte, die Dame hat das Auto sauber gemacht, noch nie erlebt, den Aschenbecher mit heißem Wasser ausgespült, das war also alles ganz super, und dann wollte ich ihr einen Rubel geben, und da gibt sie ihn mir wieder und sagt: beten Sie für mich. Und ich weiß, dass meine Kollegen als Ärzte in Russland, die ja wussten, dass ich Priester bin, ich habe eine Doktorarbeit geschrieben über die Freizeitbeschäftigung der Seeleute, die ist ins russische übersetzt worden, und bei einer Doktorarbeit schreibt man ja auch seinen Lebenslauf, der steht vorne drin, die wussten also alle, dass ich Priester bin – niemand ein Wort darüber gesprochen, und selbst, wenn wir in meinem Auto waren, kein Wort. Erst wenn wir ganz alleine waren, irgend wo am Meer, zwischen den Dünen und nun wirklich nichts … dann wurde plötzlich vom Glauben gesprochen. Dann knieten plötzlich Leute vor mir nieder und wollten die Beichte empfangen – ganz erstaunlich, ich habe dadurch etwas erlebt, was wir immer doch hier im Westen wieder vergessen, diese Angst, oder diese ständige Gefühl der Verfolgtheit können wir uns ganz schwer vorstellen – ich habe immer gedacht, die spinnen, nicht – nein, nein, die spinnen nicht, die haben Angst. Und erst dann, wenn sie nun ganz sicher sind, – hier auf gar keinen Fall, da können überall, das ist unmöglich, aber so ganz allein in der freien Natur, wo man weit, weit sehen kann, da spricht man dann vom Glauben.
Und nun kommen die neuen Russen, wenn ich die mal so nennen darf, das ist sehr freundlich, die kommen also hierher und jetzt müssen wir uns eines wirklich ganz klar machen, die konnten ihren Glauben nicht rational, die konnten ihren Glauben nicht so wie wir durch Predigt und ähnliches leben, ihr Glaube war ihr Verhalten, darum spielt das Kopftuch eine solche entscheidende Rolle, der Kalender eine entscheidende Rolle; wir haben oft nicht das liebevolle Gefühl dafür, wie wichtig Menschen ist, die nicht predigen dürfen, die nicht die Kinder unterrichten dürfen, die nicht einen Taufschein haben dürfen, die nichts in der Hinsicht dürfen, wie sehr für die Äußerlichkeiten in Anführungsstrichen – Christus ist Mensch geworden, es gibt eben keine Äußerlichkeiten mehr, diese Äußerlichkeiten eine Rolle spielen. Und nun kommen sie hierher und erleben oft wie die Gemeinden hier im Westen in Deutschland sehr leger geworden sind, und nun gibt es eben Gegensätze und ich möchte eigentlich nur das wir ein Gefühl dafür bekommen, warum es diesen Menschen, diese scheinbaren Äußerlichkeiten so wichtig sind, und die wir hier, ich bin ja auch hier geblieben, ich bin ja nicht dagewesen, – wie wichtig es sein kann, einfach durch sein äußeres Verhalten, durch sein Zeichen den Glauben zu verkünden. Der Kalender spielt eine große Rolle – Himmel und Erde sind synchron –
Und zum Schluß noch einige wenige Dinge über Deutschland. Russen leben hier in der Fremde. Wenn das auch ein Land ist, dass Ihnen sehr offen steht, das ihnen auch sehr vertraut sein kann. Und da möchte ich nocheinmal an die Welt der Sprachen erinnern: Jede Sprache ist eine Welt, wenn ich russisch, deutsch, englisch predige ist das jedes Mal völlig anders – und das die Deutsche Sprache, das Deutsch, das wir ständig um uns herum hören, eben auch für unseren Gottesdienst und für unser Leben eine Bedeutung gewinnt, bedeutet, dass wir hören, dass wir darauf hören, und dass wir auch die deutschen Worte, wenn das Evangelium deutsch gelesen wird, mit den Herzen in uns auf – dann denken Sie: Deutschland ist ein enges Land. Ich weiß nicht, ob Ihnen das so bewusst geworden ist, wenn sie in Russland sind, in Finnland, in Nord-Schweden, da fahren sie stundenlang und sehen keinen Menschen, und wenn sie ein Auto sehen, dann freuen sie sich und halten an, freuen sich, dass sie jemand getroffen haben, hier in Deutschland stolpern sie von einem Haus zum anderen. Von einer Großstadt zur anderen, das ist eine andere Welt. Ich möchte nur, dass wir uns dessen bewusst sind, wie wir in einer anderen Welt leben, einer engen Welt, und das bedeutet, dass wir in einer ganz besonderen Weise die Menschen, die um uns sind, mit denen wir umgehen, ja doch einfach in unser Herz schließen.
Es ist nicht mehr so, dass es eine deutsch gebaute Orthodoxie gibt, sondern Orthodoxie in Deutschland. Ich meine, das es ganz wichtig ist, das das deutlich wird, es gibt auch keine deutschen Evangelischen – die gibt es natürlich, aber man muß doch auch hier sagen: Christentum in Deutschland, Orthodoxie in Deutschland. Wir sind dankbar, ich, dass ich Deutscher bin, dass wir hier leben, aber letzten Endes hat Gott uns aus allem herausgerufen zu unserem freien Leben vor ihm.
Vielen Dank fürs Zuhören, ich hoffe, ich habe mich einigermassen verständlich ausgedrückt. Danke schön.


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